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Procycling 04.19

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DAS GROSSE INTERVIEW

DAS GROSSE INTERVIEW KONTRAPUNKT DAS SCHWERSTE RENNEN Die Flandern-Rundfahrt ist eines der am schwersten zu meisternden Rennen. Procycling untersucht, was es zu einer solchen Herausforderung macht. Text Edward Pickering Fotografie Getty Images Auf den ersten Blick sollte die Flandern- Rundfahrt weder einfacher noch schwerer zu gewinnen sein als jedes andere Rennen. Schließlich startet es an Punkt A und endet an Punkt B, und der Erste, der die Linie überquert, ist der Sieger, wie anderswo auch. Aber während die Anweisungen für viele andere Rennen auf eine Reihe von Stichpunkten reduziert werden können, wären es für die Flandern- Rundfahrt Dutzende dicht beschriebene Seiten. Auf einer Flachetappe der Tour würden die Instruktionen für ein Sprinter-Team zum Beispiel lauten: Lasst nicht zu viele Fahrer in die Ausreißergruppe gehen, nur Fahrer von bestimmten Teams und niemanden, der zu stark ist; lasst sie nicht mehr als drei oder vier Minuten wegkommen; holt sie später wieder ein; bereitet den Sprint vor (heutzutage der komplizierte Teil); sprintet. Eine Bergetappe: ähnlich, nur bergauf. Mailand– San Remo: auch ähnlich, außer dein Kapitän ist kein Sprinter, in dem Fall attackiere am Poggio. Aber die Flandern-Rundfahrt kombiniert Komplexität und Härte auf eine Art und Weise, die sie zu einem schwer zu meisternden Rennen macht. Stark zu sein, reicht nicht unbedingt aus – ohne detaillierte Kenntnisse der Route und der Straßen, wie sie zusammenhängen und wie sich das Peloton auf ihnen verhält, kann ein starker Fahrer viele Möglichkeiten verschenken, bevor die echten Manöver auf den letzten 50 Kilometern beginnen. Der belgische Klassiker ist dynamisch und unkontrollierbar und kann in kurzer Zeit mehrmals neue Gestalt annehmen. Selbst wenn man die Route gut kennt und einem das Terrain liegt, ist der Sieg nicht garantiert – das ist etwas, was Greg Van Avermaet sehr gut weiß, der bei zwölf Starts siebenmal in die Top Ten gefahren ist, aber nie gewinnen konnte. Es gibt zwei auffällige Aspekte der Ronde, die den Eindruck verstärken, dass es 40 PROCYCLING | APRIL 2019

GREG VAN AVERMAET GVA BEI DER RONDE Greg Van Avermaet hat die meisten wichtigen Eintagesrennen in Nordeuropa gewonnen, vom Omloop Het Nieuwsblad über E3 und Gent–Wevelgem bis hin zu Paris–Roubaix. Aber die klaffende Lücke in seinem Palmarès ist sein Heimrennen, die Flandern-Rundfahrt. In seinem goldenen Frühjahr 2017, als er E3, Gent–Wevelgem und Roubaix gewann, kam ihm Philippe Gilbert mit seiner langen Soloflucht zuvor, und er wurde Zweiter hinter seinem einstigen Teamkollegen. Wäre er nicht durch Peter Sagans Sturz am Oude Kwaremont aufgehalten worden, hätte er vielleicht gewonnen. Er war ebenfalls Zweiter in einem Vier-Mann-Sprint 2014 – hinter Fabian Cancellara. Beide Male, als er Zweiter wurde, war er stark genug, um zu gewinnen, und er fuhr fünf weitere Male in die Top Ten (siehe Seite 42). Das ist ermutigend, denn Van Avermaet ist immer zur Stelle, und er kennt das Rennen gut. Allerdings geht ihm die Zeit aus. Niki Terpstra hat die Flandern-Rundfahrt schließlich beim zehnten Anlauf gewonnen, niemand in der modernen Zeit hat hingegen mehr als zehn Versuche gebraucht, um zu gewinnen. Van Avermaet ist zwar ein Jahr und einen Tag jünger als Terpstra, aber 2019 ist sein 13. Versuch bei der Ronde. ein schwer zu gewinnendes Rennen ist: Erstens brauchen sogar reinrassige Klassiker-Spezialisten meist mehrere Anläufe, um sie zu gewinnen – Fabian Cancellara mag von 2010 bis 2014 dominant gewesen sein, als er die Ronde dreimal gewann, aber er hatte vor seinem ersten Sieg sieben Versuche und kam nur einmal in die Top 20. Johan Museeuw brauchte sechs Anläufe für den Sieg, Peter Sagan fünf. Selbst Tom Boonen, der seine Frühreife und Stärke bewies, als er mit 21 Jahren Dritter bei Paris– Roubaix wurde, gewann die Flandern-Rundfahrt „erst“ bei seiner vierten Teilnahme. Zweitens ist Flandern ein Rennen, das schwer mehrfach zu gewinnen ist. Von allen Monumenten und großen Rundfahrten ist seine Rekordzahl an Siegen durch einzelne Fahrer die niedrigste – nur sechs haben es dreimal gewonnen, noch nie jemand viermal. Alle anderen großen Rennen haben Vierfach- Sieger oder mehr. Wenn sogar Boonen und Cancellara, die beide auf ihre unterschiedliche Art perfekt für das Rennen gerüstet waren, es nur dreimal gewonnen haben, wie könnte je irgendjemand anders vier Siege ins Visier nehmen? Warum ist Flandern also so schwer zu meistern? Der Hauptgrund ist die Komplexität der Strecke. Die Hellingen in den flämischen Ardennen – kurze, steile Anstiege, von denen viele gepflastert sind – stehen im Mittelpunkt und werden als Alleinstellungsmerkmal des Rennens vermark- 3 Flandern-Siege für die Besten 6 Fahrer, die dreimal gewonnen haben tet. Sie sind schwer zu befahren, zumal, da ihre Oberfläche schlecht ist und teilweise so schmal, dass sie das Peloton zu einer dünnen Linie dehnen – ein Fahrer, der auf einer breiten Straße an 20. oder 30. Stelle fährt, kann an einem mit „Kasseien“ gepflasterten Anstieg leicht auf die 40. oder 50. Position durchgereicht werden. Wenn vorne das Tempo sehr hoch ist, fällt dieser Fahrer leicht zurück und muss eine energieintensive Aufholjagd starten, um wieder Anschluss zu finden. Aber die Hellingen sind nur ein kleiner Teil der Rechnung. Weil sie Schlüsselstellen sind, beeinflussen sie, was zehn Kilometer oder mehr vor ihnen passiert – der Kampf, von vorne in eine der Hellingen hineinzufahren, beginnt an der vorausgehenden, und wenn sie Schlag auf Schlag kommen, ist der Kampf gnadenlos. Danach wird der Schaden bewertet – wenn gefährliche Fahrer zurückgefallen und isoliert sind, kann es fatal für sie sein, denn die Spitzengruppen (die per Definition die stärksten und besten Fahrer umfassen) können einfach wegfahren und das Rennen noch härter machen. Der Klassiker-Spezialist Nikolas Maes, der in den flämischen Ardennen aufwuchs, sagte einmal, jeder Abschnitt würde aus drei Höchstleistungen bestehen: schnell in ihn hineinfahren, dann das Klettern, dann schnell aus ihm herausfahren. Und da es insgesamt 20 Hellingen und Kasseien gibt, müssen die Fahrer während der Ronde 60-mal in den roten Bereich gehen. Versuchen Sie mal, bei einem schweren sechsstündigen Rennen 60 Sprints zu machen, um sich das vorstellen zu können. Doch das ist nicht alles: Auch der Rest des Rennens wird mit einem zermürbenden Tempo gefahren. George Hincapie sagte einmal, seine normalisierte Leistung in Flandern 2011 sei über die sechs Stunden des Rennens 339 Watt gewesen. Die sich endlos wiederholenden Anstiege und der Kampf, in sie hinein und aus ihnen herauszufahren, erodiert das Peloton zudem von hinten. Und als würden die Hügel noch nicht ausreichen, ändert die Route auch noch ständig die Richtung, sodass der angenehme Rückenwind oder unkomplizierte Gegenwind schnell zu Seitenwind werden kann. Und hier sind die einheimischen Fahrer begünstigt – die Straßen zu kennen, zu wissen, wie der Wind steht und wie sich das auf das Peloton auswirkt, ist ein großer Vorteil, den sie auf ihrer Seite haben. Flämische Fahrer wie Peter Van Cancellara war ein Meister auf den flämischen Anstiegen. APRIL 2019 | PROCYCLING 41