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Procycling 04.19

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NIKI TERPSTRA Vor fast

NIKI TERPSTRA Vor fast 20 Jahren, als Niki Terpstra in Beverwijk im Nordwesten der Niederlande zur Schule ging, wählte er als Erstes Französisch ab. Zwei Jahrzehnte später, im Winter 2018, legte Terpstra beim Autofahren immer eine Französisch-Lern-CD ein. Er ist im Begriff, sich seinem neuen Team Direct Energie anzuschließen, und die Sprache zu sprechen und zu verstehen, ist gerade sehr wichtig geworden. Terpstra lacht trocken, als er Procycling die Geschichte erzählt. Er wird sich wünschen, das Fach damals nicht so schnell aufgegeben zu haben. „DU KANNST DIE JUNGS VON DEN KLASSIKERN SEHEN, SIE SIND ZUFRIEDEN UND DAS GANZE TEAM WILL EINEN SCHRITT NACH VORNE MACHEN.“ Terpstras Wechsel nach acht Jahren bei Quick- Step Floors zu einem französischen ProContinental-Team war, als er im letzten Sommer bekannt wurde, für fast alle eine Überraschung. Als Sieger von Paris–Roubaix und der Flandern-Rundfahrt verließ Terpstra die Klassiker-Equipe des Pelotons für ein kleineres Team ohne nennenswerte Referenzen in dieser Disziplin. Als ProConti-Formation ist Direct Energie zudem auf Einladungen angewiesen, um die größten Klassiker zu fahren. Im letzten Jahr zum Beispiel fehlte das Team bei der Flandern-Rundfahrt. Unterdessen hatte Terpstra 2018 sein wohl erfolgreichstes Frühjahr, gewann Flandern, E3 Harelbeke und Le Samyn und stand in Roubaix hinter Peter Sagan und AG2R-Profi Silvan Dillier wieder auf dem Podium. Seine Siege hatten ihm einen erstklassigen Status verliehen, selbst in einem Team, das so mit Klassiker-Talenten gespickt ist wie Quick-Step. Bei Direct Energie war er im Begriff, der unumstrittene Kapitän ihrer jungen Klassiker-Fraktion zu werden – und einer von nur vier nichtfranzösischen Fahrern in einem Team, das gefühlt, wenn nicht sogar tatsächlich immer noch ein sehr traditionelles französisches Ethos hat. Auf dem Papier sah es auf jeden Fall so aus, als wäre Terpstra dort völlig fehl am Platz. Terpstra lacht, als wir ihn darauf ansprechen, dass wenige Leute mit diesem Wechsel gerechnet hätten. „Ich glaube, niemand hat damit gerechnet“, sagt er. „Ich habe mich vor allem für dieses Team entschieden, weil es mich nicht nur wegen meiner guten Resultate genommen hat, sondern weil ich dem Team auch helfen will, ein höheres Niveau zu erreichen. Daran waren alle wirklich interessiert – ein stärkeres Team aufzubauen. Das hat mich überzeugt.“ Mit 34 Jahren und zwei großen Klassiker-Siegen auf dem Konto tritt Terpstra in eine neue Phase seiner Karriere ein. Als Quick-Step im vergangenen Sommer Mühe hatte, einen neuen Titelsponsor zu finden, trat Direct Energie auf den Plan und machte ihm ein unwiderstehliches Angebot. „Es ist anders, aber wir haben einige wirklich starke Jungs, und schon seit dem ersten Treffen Anfang November sind wir dabei, das Team auf Vordermann zu bringen und ihm das richtige Ziel zu geben. Es war schon stark bei den Klassikern, es hatte zwar nicht die besten Resultate, aber es hatte auch nicht das richtige Ziel, glaube ich. Jetzt haben die Jungs das richtige Ziel“, sagt er. „Sie sind zuversichtlich, dass ich bei diesen Rennen gut abschneide, daher sind sie wirklich motiviert, mir zu helfen, und daran arbeiten wir bei jedem Trainingslager – du kannst die Jungs von den Klassikern sehen, sie sind zufrieden und 46 PROCYCLING | APRIL 2019

NIKI TERPSTRA das ganze Team will einen Schritt nach vorne machen. Sie merken den Unterschied schon, sagen sie, und es motiviert mich, dass wir ein stärkeres Team daraus machen können. Ich glaube, diese großen Motoren für die Klassiker können die Radsportwelt überraschen.“ Viele Leute ziehen ein Gesicht, wenn man sagt, dass man Niki Terpstra interviewen will: durch die Zähne eingesaugte Luft, dazu aufgerissene Augen und hochgezogene Augenbrauen. Abseits der Straße hat Terpstra den Ruf, geradlinig, sachlich und unverblümt zu sein. Im Rennen ist er genauso direkt. Bei grauem und düsterem Klassiker-Wetter, das andere verabscheuen, ist er in seinem Element; man sieht ihn vorne im Peloton, wie er Teamkollegen Anweisungen gibt, Rivalen anblafft und keinen Zentimeter zurückweicht. Terpstra ist unnachgiebig, gnadenlos und völlig unerbittlich, wenn er ein Ziel verfolgt. Der Niederländer gilt als erfolgreichster Klassiker-Spezialist seiner Generation – nur sieben Fahrer haben in den letzten 30 Jahren sowohl Flandern als auch Roubaix gewonnen, Peter Sagan ist der einzige andere aktive Fahrer, dem das gelungen ist. Er fährt mit einem Stil, den die Fans lieben – seine beiden Monumente hat er als Solist gewonnen. Aber Terpstras Popularität scheint geringer zu sein als die seiner weniger hoch dekorierten Rivalen. Wiederholt wurde ihm vorgeworfen, er sei kein Teamplayer, fahre eher für den persönlichen Erfolg, als für andere zu arbeiten. Nach dem letztjährigen E3 Harelbeke tauchten Fragen auf, ob Terpstra sich geweigert habe, auf Philippe Gilbert zu warten, der versuchte, zu ihm nach vorne aufzuschließen. Terpstra sagte, er habe über Funk nichts hören können und nicht gewusst, dass der Fahrer hinter ihm sein Teamkollege war. Aber für die, die sich schon eine Meinung gebildet hatten, war es klassisches Terpstra-Verhalten. Schon 2014, als Terpstra Roubaix gewann, drehte sich in der Vorbereitung alles darum, dass sein Teamkollege Tom Boonen einen historischen fünften Sieg anstrebte. Boonen war während des gesamten Rennens aktiv und schaffte es in die entscheidende Gruppe, aber es war Terpstra, der clever entwischte und sich den Sieg holte – und Boonen die Schau stahl. Es erfordert minimale Internetrecherche, um auf ein YouTube-Video zu stoßen, in dem Terpstra an der Spitze des Pelotons die Ellbogen gegen einen Rivalen ausfährt. Oder Geschichten zu finden, wie er seine Teamkollegen nach einem Mannschaftszeitfahren bei der Vuelta 2015 vor laufender Kamera abkanzelt, als das Team Fünfter wurde, zehn Sekunden hinter den Siegern. Selbst einer von Terpstras engsten Freunden im Radsport, der CCC-Profi Laurens ten Dam, sagt zu Procycling: „Alle denken, er ist ein Arsch, denn wenn er Rennen fährt, will er gewinnen. Es ist alles für ihn und sein Team.“ Bei unserem ersten Treffen gibt es daher einen bangen Moment, als Procycling Terpstra fragt, ob er für die Fotos seine Brille absetzen könnte. Ein schiefer Blick oder brummiger Kommentar wird halbwegs erwartet. Aber nichts. Eine Sekunde später haben wir eine andere Bitte, dieses Mal, die Jacke rauszunehmen, die er in die Rückentasche seines Trikots gestopft hat. Wieder eine Pause. Vielleicht ist das der Moment, in dem die kratzbürstige Version von Terpstra, von der wir gehört haben, zum Vorschein kommt? Aber es kommt immer noch nichts. Stattdessen tut er uns den Gefallen und macht weiter mit der Fotosession, unterhält sich höflich und lächelt in die Kamera. Selbst einige Stunden später, als Procycling und Terpstra sich vor den großen, zum Strand hinausgehenden Fenstern des Hotels in Calpe, in dem er während des Trainingslagers mit seinem neuen Team wohnt, hinsetzen, um richtig zu reden, ist der unleidliche Terpstra, mit dem wir gerechnet hatten, nirgendwo zu sehen. Er ist entspannt, freundlich und wohlüberlegt in seinen Antworten. Er ist sogar richtig aufgeräumt. Als wir ihn bitten, sich für noch ein paar Fotos hinzustellen, posiert er im Spaß neben ein paar Statuen in der Hotelbar. Wird Terpstra einfach missverstanden? Terpstra gibt zu, dass insbesondere die belgischen Fans nicht mit ihm warm geworden sind. Nachdem er die Ronde gewonnen hatte, hatte er „manchmal das Gefühl, dass mir in Flandern das Leben schwergemacht wurde“. Als wir das Thema ansprechen, macht er eine lange Pause, dreht den Kopf weg und denkt genau nach, was er sagen will. „Na ja ... Es ist auch kulturell. Die Holländer sind geradliniger als die Belgier. Es ist fast eine Tatsache“, sagt er schließlich. Es gibt historische Spannungen zwischen den beiden Nachbarländern. Bei der Belgischen Revolution von 1830 löste sich das Land aus dem kurzlebigen Verbund mit den Niederlanden, und die Beziehung der beiden Länder ähnelt der von zankenden Geschwistern, die dauernd übereinander herziehen, selbst wenn es nicht böse gemeint ist. Die Holländer sehen die Belgier als ihren nervigen kleinen Bruder. Die Belgier sehen die Holländer als ihren großen, lärmenden Nachbarn. „Das Team [Quick-Step] hat sich gut darauf eingestellt; es hat sich gut an mich gewöhnt, und ich habe mich auf das Team eingestellt – es war beiderseitig. Aber die belgischen Fans haben sich nicht so schnell angepasst. Ich glaube, das KARRIERE-HÖHEPUNKTE DIE GRÖSSTEN MOMENTE DES NIKI TERPSTRA 2007 Erster Profivertrag beim Team Milram. Fährt zum ersten Mal Paris–Roubaix, wobei er extrem kurzfristig aufgestellt wird, um kurz vorher bei Gent–Wevelgem ausgefallene Fahrer zu ersetzen. 2008 14. Platz bei seinem Flandern- Debüt im Sprint seiner Gruppe hinter Stijn Devolder, der einen Solosieg erzielt. Mit in der Gruppe sind seine späteren Kollegen Philippe Gilbert und Tom Boonen. 2009 Ein starkes Frühjahr mit Platz 9 bei Het Nieuwsblad und einer Top-20-Platzierung in Roubaix. Wird bei der Dauphiné für seine aggressive Fahrweise mit einem Etappensieg belohnt. 2010 Kann bei der niederländischen Meisterschaft das komplette Rabobank-Team übertölpeln und siegt. Solosieg beim Sparkassen Giro nach einer Attacke aus einer kleinen Gruppe heraus. © Sirotti, Yuzuru Sunada (2010) APRIL 2019 | PROCYCLING 47