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Procycling 04.19

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NIKI TERPSTRA letzte

NIKI TERPSTRA letzte Frühjahr war ein Wendepunkt. Patrick Lefevere und Tom Boonen waren auf einer Talkshow über Radsport – das gibt es in Belgien, es ist wundervoll. Sie sind wirklich für mich eingestanden und haben gesagt: ‚Er ist ein guter Teamkollege; es ist nicht, wie ihr glaubt‘, und das war ein Wendepunkt“, sagt er. „Ich glaube auch, dass Tom Boonen der große Star war, aber in den letzten Jahren hat manchmal Tom gewonnen und manchmal habe ich Rennen gewonnen. Und vielleicht hatten die Belgier das Gefühl, dass ich Tom den Sieg geklaut hätte, aber das ist nicht … ich weiß nicht. Aber ich liebe die belgischen Fans, weil Belgien das Mutterland des Radsports ist und sie radsportverrückt sind. Ich liebe sie und bin verrückt nach ihnen und hoffe, dass sie meinen Stil, Rennen zu fahren, mögen.“ Findet er, dass der Ruf, der ihm anhaftet, fair ist? Viele andere hitzköpfige Fahrer verhalten sich beim Rennen ähnlich, doch kaum ein Wort wird darüber verloren. Liegt es vielleicht daran, dass Etiketten leichter kleben bleiben, wenn man sie nur oft genug wiederholt? „Das Letzte hast du gesagt“, entgegnet Terpstra. „Manchmal gibt es Momente bei einem Rennen, wo ich ziemlich hart reagieren kann, manchmal ist es zu hart. Du siehst es im Fernsehen und es ist leicht, sich ein Urteil zu bilden. Ich denke, man muss die Vorwürfe nicht so schwer nehmen“, sagt er auf die Frage, ob ihm überhaupt wichtig sei, was andere denken. „Aber ich glaube, es tut jedem weh.“ Ten Dam versichert, dass Terpstra weit von seinem Ruf entfernt sei. Die beiden sind seit fast 15 Jahren befreundet und der CCC-Mann ist einer von zwölf Fahrern in der „Noord-Hollands Best“, einer Trainingsgruppe von Profis aus dem Norden des Landes, die Terpstra gegründet hat. „Es ist ein bisschen wie in einem Wolfsrudel … und wie in so einem Rudel tut er alles für mich und die Gruppe, weißt du. Zum Beispiel hat er einen Roller, und als ich für den Giro trainieren wollte und er die Klassiker gefahren war, habe ich ihn gefragt, ob ich mir den Roller leihen kann – und er tankt den Roller vorher voll und deponiert den Schlüssel, damit ich zur richtigen Zeit losfahren kann, weil er nicht zu Hause war. So etwas tut er für dich“, erklärt ten Dam. „Wenn ich ihn frage, ob er Laufräder für die Bahn hat, sagt er: ‚Ja, du kannst meine Räder haben.‘ Er schraubt die richtigen Gänge dran. Er ist „MANCHMAL DENKE ICH EINFACH: WARUM NICHT? STATT MICH ZU FRAGEN, WARUM ICH ANGREIFEN SOLLTE, DENKE ICH EINFACH: WARUM NICHT?“ mitten in der Saison, ich habe einen bösen Sturz, ich habe Hautabschürfungen, und er kommt vorbei, um mir die richtigen Pflaster zu bringen. Er ist kein Arsch, er ist ein Typ, der sich um seine Leute kümmert.“ Terpstras Wechsel zu Direct Energie mag unkonventionell erscheinen, aber der Holländer verdankt seine ganze Karriere dem Verstoß gegen Konventionen. Er wurde als © Yuzuru Sunada (2011, 2012, 2014), Getty Images 2011 Wechselt zu den Klassiker- Experten von Quick-Step mit dem großen Kader an Frühjahrsspezialisten. Doch das belgische Team hat ein schlechtes Jahr mit gerade mal acht Siegen. 2012 Holt sich den ersten großen Klassiker-Sieg bei Dwars door Vlaanderen mit einer domi - nanten Vorstellung – Terpstra fährt fast 20 Kilometer solo ins Ziel. Wird Sechster in Flandern und Fünfter in Roubaix. 2013 Kommt dem ersten Monument noch näher, als er Dritter bei Paris–Roubaix wird. Terpstra beendet die Saison mit dem ersten von vier WM-Titeln im Teamzeitfahren für Quick-Step. 2014 Erster Sieg bei einem Monument in Roubaix nach einer Attacke nach dem letzten Pavé-Abschnitt. Zweiter Sieg bei Dwars door Vlaanderen, zweiter Platz beim E3 und fünfter bei Omloop Het Nieuwsblad. 48 PROCYCLING | APRIL 2019

NIKI TERPSTRA Terpstra jubelt über seinen Sieg bei Roubaix 2014 – als erst sechster Niederländer. Teenager von Talentscouts des holländischen Verbands entdeckt und fuhr anfangs sowohl auf der Bahn als auch auf der Straße. Er gewann Silber in der Mannschaftsverfolgung bei der Bahnweltmeisterschaft 2005. Rabobank hatte seinerzeit ein starkes Nachwuchsteam, und ein Wechsel dorthin wäre fast zu erwarten gewesen. Viele der heutigen holländischen Topprofis sind daraus hervorgegangen. Aber Terpstra wollten sie nicht. Stattdessen fuhr Terpstra für die holländischen Continental-Teams Cyclingteam Bert Story und Ubbink-Syntec. Er gab sich zwei Jahre, nachdem er die Schule abgeschlossen hatte, um es zu schaffen. Er lernte, wie ein Profi zu leben und zu trainieren, um bei jedem Rennen, an dem er teilnahm, zu attackieren. Die meisten, wenn nicht alle Angriffe waren vergeblich, aber da die Teams nicht zu ihm kamen, wollte er ihnen zeigen, was er konnte. Andere Fahrer schauten ihn an, als wäre er verrückt. „Ich wollte mich einfach zeigen. Heutzutage ist es anders, denn wenn du im Finale gut sein willst, musst du Energie sparen. Aber damals hätte ich im Finale kein gutes Resultat eingefahren, wenn ich mich geschont hätte, deshalb wollte ich mich zeigen. Wenn ich im Feld geblieben wäre, hätte mich niemand gesehen und ich wäre nicht stärker geworden. Wegen dieser verrückten Attacken bin ich stärker geworden und habe auch viel gelernt.“ Schließlich zahlten sich die Attacken aus. Bei der Belgien-Rundfahrt 2006, auf der 4. Etappe in den Ardennen, war Terpstra – noch als Amateur – in der Ausreißergruppe. Vor der Mur de Huy attackierte er, um einen Vorsprung auf die anderen herauszufahren, aber er war so stark, dass er nie wieder gesehen wurde. Der Angriff brachte ihm seinen ersten großen Sieg ein. „Weißt du, manchmal denke ich einfach: Warum nicht? Statt mich zu fragen, warum ich angreifen sollte, denke ich einfach: Warum nicht?“, sagt er. Es ist dieser Angriffsinstinkt, die Furchtlosigkeit, auszuprobieren, was andere nicht tun, und ein großer Motor, die Terpstra in seiner Karriere zugutegekommen sind und ihm seine größten Siege eingebracht haben. 2010, im vierten Jahr als Profi beim deutschen Team Milram, feierte Terpstra bei der niederländischen Meisterschaft einen weiteren großen Sieg. Gegen 19 Fahrer von Rabobank, verglichen mit drei von Milram, zog Terpstra einen Coup ab und setzte sich gegen drei Rabobank-Fahrer durch. Wenige Monate später unterschrieb er bei Quick-Step. 2015 Schafft es in Flandern in die entscheidende Gruppe, wird aber von Alexander Kristoff auf den zweiten Platz verwiesen. Gewinnt die erste Etappe der Tour de Wallonie und sichert sich den Gesamtsieg. 2016 Sieg bei Le Samyn, doch in Flandern schafft er es nur auf den 10. Platz. Bislang größter Rundfahrtsieg bei der Eneco Tour, wo er auf der letzten Etappe bei widrigem Wetter auftrumpft. 2017 Gleichmäßig gute Leistungen bei den Klassikern werden nicht durch einen Sieg belohnt. Terpstra wird unter anderem Vierter bei Gent–Wevelgem, Dritter in Flandern und Dritter bei Paris–Tours. 2018 Der ersehnte Sieg bei der Flandern-Rundfahrt als Solist nach einer Attacke 26 Kilometer vor dem Ziel. Ein Sieg mit Ansage: War in den Wochen zuvor wieder bei Le Samyn erfolgreich und holte einen Solosieg beim E3. © Getty Images (2015), Yuzuru Sunada (2016, 2017, 2018) APRIL 2019 | PROCYCLING 49