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Procycling 04.19

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„DAS IST MEIN

„DAS IST MEIN TERRAIN.“ © Getty Images 2018 war der 25-jährige Kölner sowohl bei der Flandern- Rundfahrt als auch bei Paris–Roubaix der beste deutsche Fahrer – am Ende standen die Plätze 17 sowie sieben zu Buche. Wie schätzt Nils Politt seine Chancen in diesem Jahr ein? Interview Chris Hauke 52 PROCYCLING | APRIL 2019

Nils, die Klassiker stehen vor der Tür. Beginnen wir mit Mailand–San Remo. Du bist dort letztes Jahr zum ersten Mal gefahren. Am Ende wurdest du 61., 2:23 hinter dem Sieger Vincenzo Nibali. Das war schon ganz gut. Wir haben es damals mit Marcel [Kittel] probiert. Im Endeffekt hat es nicht geklappt, aber wir waren eigentlich schon abgehangen und ich konnte ihn dann vor der Cipressa noch mal ins Feld reinfahren. Ich selber bin dann quasi als Letzter in den Anstieg gegangen. Danach konnte ich noch Nathan Haas [der später 18. wurde] in den Poggio vorne reinbringen, in der Mitte vom Poggio sind mir dann ein bisschen die Beine ausgegangen. Es war aber kein schlechtes Rennen von mir. Ich denke, wenn ich mich ein bisschen darauf konzen– triere, kann ich mit über den Poggio fahren. Mit Erik Zabel habt ihr in dieser Saison einen Performance Manager, der das Rennen schon viermal gewonnen hat. Mit Erik ist natürlich ein ganz erfahrener Mann ins Team reingerückt, gerade für Rennen wie Mailand–San Remo. Wenn er sich eine Zielgerade anguckt, weiß er ganz genau, was er uns sagen muss. Ich meine, er hat genug Radrennen gewonnen. Das sind einfach wichtige Tipps, die man sich zu Herzen nehmen sollte. 2018 war nicht das Jahr deines Teams Katusha-Alpecin. Zur neuen Saison gab es einige Veränderungen. Wie ist aktuell das Gefühl in der Mannschaft? Mit dem, was wir im letzten Jahr abgeliefert haben [vier Saisonsiege bei internationalen Rennen], kann keiner zufrieden sein. Ich denke, dass wir bisher auf dem richtigen Weg sind. Wir haben jetzt einen Saisonsieg – klar hoffen wir, dass wir bald den nächsten einfahren können, damit die Lücke dazwischen nicht zu groß wird –, aber Marcel war schon zweimal knapp dran, in Almeria [bei der Clásica de Almeria] oder auch bei der UAE-Tour [auf der 5. Etappe]. Natürlich müssen wir weiter hart an uns arbeiten, aber jeder ist motiviert und will Rennen gewinnen. Wir geben da unser Bestes und müssen einfach abwarten und den Kopf oben halten. Mit Jens Debusschere ist ein ausgewiesener Klassiker-Spezialist neu ins Team gekommen. Mit ihm habt ihr ein zweites heißes Eisen im Feuer. Auf jeden Fall. Mit Jens verstehe ich mich super. Er ist ein sehr angenehmer Teamkollege und ein wichtiger Mann für uns. Jens ist der endschnellere Fahrer, ich bin eher der Puncheur. Ich denke, wir werden uns gut ergänzen. Er wohnt in Waregem [Westflandern] und trainiert jeden Tag dort, wo wir Rennen fahren. Von daher kennt er die Ecken, an denen man vorne sein muss. Es ist wichtig, so einen Mann im Team zu haben. Du hast sowohl bei der Flandern-Rundfahrt als auch bei Paris–Roubaix im letzten Jahr sehr gut abgeschnitten. Gibt es konkrete Ziele für 2019? Natürlich möchte ich da weitermachen, wo ich letztes Jahr aufgehört habe. Ich denke, ich bin da auch auf einem guten Weg. Aber man weiß es nie. Roubaix ist wie eine Lotterie, bei der 200 Bälle in einen Topf geworfen werden. Da kann alles passieren – man kann stürzen, im ungünstigsten Moment einen Platten haben oder auch mal die richtigen Beine haben. Für Flandern gilt das Gleiche, bei den Klassikern ist das einfach so. Aber trotzdem: Wenn ich die Beine habe wie letztes Jahr, hoffe ich, dass ich daran anknüpfen kann. Bisher bin ich auch wirklich optimistisch, dass ich in der gleichen oder vielleicht sogar noch einer etwas besseren Form dort antreten kann. Auf jeden Fall würde ich bei einem solchen Rennen gerne wieder in die Top Ten fahren. Bei unserem Gespräch vor einem Jahr hast du den späteren Flandern-Sieger Niki Terpstra als einen der Favoriten genannt. Wie sieht es 2019 aus? Wer macht einen besonders starken Eindruck? Dieses Jahr ist es echt schwer – Sep Vanmarcke hat ein Rennen in Frankreich gewonnen [bei der Tour de Haut-Var im Februar], Zdenek Stybar sehr souverän die Bergankunft bei der Algarve-Rundfahrt für sich entschieden [und anschließend Omloop Het Nieuwsblad]. Auch Søren Kragh Andersen [Team Sunweb] ist dort super stark gefahren. Das ganze Team Quick-Step ist ebenfalls wieder beeindruckend unterwegs [neben Stybar fuhren auch Bob Jungels und Julian Alaphilippe bereits Siege bei Eintagesrennen ein]. Mit Peter Sagan bin ich bisher noch in keinem Rennen gefahren, aber der ist auch immer fit. Bei Terpstra muss man mal schauen, wie er es verkraftet, nicht mehr die Unterstützung zu haben, wie das bei Quick-Step der Fall war [Terpstra fährt seit 2019 für Direct Énergie]. Du bist gerade 25 geworden und fährst jetzt im vierten Jahr auf WorldTour-Level. Wo siehst du dich in deiner Entwicklung? Bislang mache ich jedes Jahr einen Schritt nach vorne. Ich weiß natürlich, dass irgendwann mal ein Jahr kommen wird, wo es nicht weitergeht oder ein Rückschlag kommen kann. Aber bisher geht es stetig bergauf. Ich habe bei der Deutschland Tour und auch bei anderen Rundfahrten bewiesen, dass ich bei leicht hügeligen Etappen aus einer Gruppe von 40 bis 60 Mann heraus nicht der Langsamste bin [Politt gewann bei der Deutschland Tour 2018 sein erstes Rennen auf Toplevel – im Sprint einer 15-köpfigen Spitzengruppe]. Ich denke, da sollte ich auch ein bisschen ein Auge drauf werfen – und dazu auf jeden Fall weiter bei den Klassikern kämpfen. Das mag ich einfach, das ist mein Terrain. Ebenfalls Klassiker-Spezialist: Nils’ neuer Mannschaftskollege Jens Debusschere siegte 2016 bei „Dwars door Vlanderen“. Dieses Jahr seid ihr komplett auf Scheibenbremsen unterwegs. Wie beurteilst du diesen Schritt? Für mich war es eine ziemlich große Veränderung. Anfangs war ich ein strikter Gegner von Disc Brakes. Ich habe die Radindustrie da einfach nicht verstanden. Erst versucht jeder Hersteller, leichter zu bauen, und dann bringen auf einmal alle Modelle mit Scheibenbremsen heraus und fangen quasi von vorne an – als würden sie eine Pyramide kaputt machen und wieder von unten anfangen. Eine Disc- Gruppe ist einfach etwas schwerer. Mittlerweile möchte ich die Break-Performance allerdings nicht mehr missen. Wenn ich jetzt eine Abfahrt runterfahre, weiß ich auf jeden Fall, dass meine Bremsen funktionieren. Das ist gerade für die Klassiker ziemlich gut, speziell bei nasser Fahrbahn. © Luc Claessen/AFP/Getty Images APRIL 2019 | PROCYCLING 53