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Procycling 04.19

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ROMAIN BARDET Das letzte

ROMAIN BARDET Das letzte Mal, dass ich Romain aus der Nähe sah, schien er unglücklich und ängstlich. Schlimmer noch: Er sah zerbrechlich aus. Es war das Zeitfahren in Marseille bei der Tour de France 2017, wo Bardet im Ziel zusammenbrach, dehydriert und erschöpft, nachdem er seinen Podiumsplatz um eine Sekunde gerettet hatte und vom zwei Minuten nach ihm gestarteten Chris Froome fast noch eingeholt worden war. Ich sah ihn wegschwanken, dann eine Pressekonferenz absitzen, auf der er introspektiv und ausführlich eine Tour analysierte, bei der er sowohl näher dran als auch weiter entfernt denn je schien, das Gelbe Trikot zu gewinnen. Ich beobachtete ihn bei der letztjährigen Tour weiter und stand nach der Etappe zum Col de Portet, die Bardets Tiefpunkt in einem enttäuschenden Rennen markierte, am Mannschaftsbus von AG2R La Mondiale. Die Busse waren auf halber Höhe des Berges geparkt, aber am oberen Ende eines sehr steilen Weges, der von der Hauptstraße abzweigte. Bardet musste mit müden Beinen eine 20 Prozent steile Rampe hochfahren, bevor er sich mit den Armen in den Bus hievte und eine lange Dusche nahm, um den Tag und die Enttäuschung abzuwaschen. Sein Pressesprecher war so klug, keine Versprechen abzugeben, dass der Fahrer für die kleine Handvoll Journalisten, die sich versammelt hatte, zur Verfügung stehen würde, und 20 oder 30 Minuten später kam Bardet, dem die Unzufriedenheit übers Gesicht zog wie die Wolken über die Gipfel der Pyrenäen, wortlos aus dem Bus und stieg in einen Mannschaftswagen. An diesem Punkt hatten die Franzosen 33 Jahre auf einen einheimischen Toursieger gewartet; Bardets Kapitulation in den Pyrenäen bestätigte nun, dass diese Zahl auf 34 steigen würde, obwohl es schon fast zwei Wochen lang danach ausgesehen hatte. Und jetzt schaue ich zu, wie sich die Fahrer von AG2R in der winterlichen Kühle vor einem Hotel in Benicàssim versammeln, bevor sie 140 Kilometer in einen starken Westwind hineinfahren. Die Stimmung ist allgemein heiter – leises Bariton-Geplauder unter den großen Belgiern in der Klassiker-Gruppe, untermalt von Gelächter und Scherzen der Mitarbeiter, während Jaakko Hänninen, der junge Finne, der offiziell im August Profi bei AG2R wird, auf dem Skateboard über den Parkplatz rollt, in einer jugendlichen Interpretation der alten Weisheit, dass ein Fahrer niemals stehen sollte, wenn er sitzen kann, und niemals sitzen, wenn er sich hinlegen kann – gehe niemals zu Fuß, wenn du skateboarden kannst. Bardet steht mittendrin, aber nicht im Mittelpunkt. Er ist von Kopf bis Fuß in Erdtöne eingewickelt – braune Leggings, braune Regenjacke, Helm, Brille und ein paar Zentimeter ausdrucksloses Gesicht schauen raus. Der deutsche Radsportjournalist Sebastian Moll pflegte Lance Armstrong zu beobachten, wie er sich durch die Welt bewegte, umkreist von einem ständigen Orbit bienenfleißiger Helfer – oder dem, was er „Planet Armstrong“ nannte. Man konnte an dieser kleinen Momentaufnahme des AG2R-Mannschaftslebens in Benicàssim sehen, dass Bardet nicht die Art von Teamkapitän ist, der im Zentrum von allen stehen muss. Er wird später erklären, dass er durch sein Beispiel führe, nicht durch Diktat. Zeigen, nicht erzählen. Körperlich ist an Bardet nicht viel dran. Er ist ein gertenschlanker Ectomorph mit schlanker Silhouette. Wie er es schafft, so dürr zu sein und Zweiter der Tour de France zu werden, ist mir ein Rätsel – ich sehe Haut und Knochen, aber ich kann keine Muskeln erkennen, und das wird durch die Länge seiner Gliedmaßen noch verstärkt. Mit seiner fragilen und hageren Erscheinung, der spröden Ernsthaftigkeit und einer einstudierten Emo-Ästhetik wirkt er nicht gut gerüstet, die Last der Erwartungen einer Nation zu tragen. Eine Stunde später sitze ich in einem AG2R- Mannschaftswagen, der einen gleichmäßigen, vier oder fünf Kilometer langen Anstieg hochfährt, und schaue zu, wie die Rundfahrergruppe zehnminütige Intervalle von mittlerer Intensität, dann 60 Sekunden nahe an der Leistungsgrenze und einen 15-sekündigen Sprint absolviert. Am Gipfel ist Bardet den anderen weit voraus. Er klettert unglaublich schnell, beschleunigt wieder, nimmt sichtbar Fahrt auf, und seine Geschwindigkeit ist einfach nur schön. Sobald er im Sattel sitzt, ist er wie verwandelt; ein anderer Mann. Kann Romain Bardet die Tour de France gewinnen? Natürlich kann er. Er ist bereits Zweiter, Dritter und zweimal Sechster geworden. Als er Dritter wurde, 2017, ging er mit nur 23 Sekunden Rückstand auf den späteren Sieger Froome in die letzte Etappe (obwohl die zwei Minuten, die er an dem Tag beim Zeitfahren in Marseille kassierte, das Argument sind, das dagegen spricht, dass Bardet je das Gelbe Trikot gewinnt). Physisch gibt es nichts zu rütteln an der Tatsache, dass er einer der besten Kletterer und Abfahrer der Welt ist – er war der einzige Klassementfahrer, der Froome bei der Tour 2016 nennens wert Zeit abnahm. Er ist ein vergleichsweise mittelmäßiger Zeitfahrer, aber entweder mögen die Tour-Organisatoren Zeitfahren ebenso wenig wie Bardet oder sie versuchen, ihn zu begünstigen, indem sie diese Etappen in den letzten Jahren auf ein absolutes Minimum begrenzten. Wobei man sagen muss: Wenn die A.S.O. wirklich will, dass Bardet die Tour gewinnt, dann müsste sie das Mannschaftszeitfahren streichen, das eine chronische Schwäche von AG2R ist. Bardet ist dazu ein instinktiver, aggressiver und einfallsreicher Angreifer. Die AG2R-Fahrer sind taktisch gewieft und stark, und sie haben das Team Sky in der Vergangenheit mit einer cleveren Fahrweise herausgefordert. 2016 und 2017 unternahmen sie anständige Versuche, das britische Team zu überrumpeln; so gewann Bardet eine Etappe in Saint-Gervais-Mont-Blanc im ersten Jahr und über den Col de Peyra Taillade im nächsten. Der Überraschungsangriff am Peyra Taillade auf der Zentralmassiv-Etappe nach Le Puy-en- Velay wurde überschattet von einem Defekt bei Froome, aber AG2R hatte attackiert, bevor der Brite am Straßenrand stehenblieb und mithilfe von Michał Kwiatkowski das Laufrad wechselte. Froome schaffte es mit erheblicher Unterstützung seiner Sky-Teamkollegen gerade so eben zurück in die Spitzengruppe. Aber die Argumente, warum Bardet vielleicht nie die Tour gewinnen wird, sind überzeugender. Wie fast alle anderen konnte er Sky beim letztjährigen Rennen keinen Treffer versetzen. So wie die Tour im Moment gefahren wird, insbesondere angesichts der von Sky ausgeübten Kontrolle, haben 56 PROCYCLING | APRIL 2019

ROMAIN BARDET Fahrer wie Bardet fast keine Möglichkeiten. Er kann weder auf Flachetappen noch gegen die Uhr Zeit gewinnen, also muss er bei einer typischen modernen Tour 14 oder 15 Tage defensiv fahren. Sky riegelt die verbleibenden sechs oder sieben Etappen in den Bergen ab, und Bardets Versuche im letzten Jahr, in den Alpen Zeit herauszufahren – Angriffe in La Rosière und Alpe d’Huez –, führten zu nichts. Selbst wenn er sich hätte absetzen können, sind die potenziellen Gewinne – vielleicht jeweils 20 Sekunden – nicht genug, um einen Sieg ins Auge zu fassen. Bardet weiß das selbst. Vielleicht ist er deswegen sichtbar gereizt, dass er über die Tour 2018 sprechen muss, als er bei unserem Interview am Nachmittag unbequem auf einem niedrigen Sofa sitzt, die langen Beine angewinkelt. Ich hatte gefragt, wie es ihm gehe, und er hatte sechsmal die Worte „ça va“ wiederholt, als wollte er sich selbst ebenso wie mich davon überzeugen, dass es ihm gut geht. Die Tour 2018 war nicht gut. „Es war weder ein Erfolg noch eine Niederlage“, sagt er. „Es hätte ein „ES WAR NICHT AUF HÖCHSTEM NIVEAU, UND AUF KEINER ETAPPE KONNTE ICH MICH IN SZENE SETZEN.“ Desaster sein können, weil das Team sehr früh geschwächt war, aber ich bin trotzdem Sechster geworden. Es war eine gute Leistung, aber nicht auf höchstem Niveau, und auf keiner Etappe konnte ich mich in Szene setzen. Es ist eine Ausgabe der Tour, die mir nicht in Erinnerung bleiben wird.“ Dabei hatte es eigentlich gut angefangen. Während viele Klassementfahrer – Froome, Richie Porte, Nairo Quintana, Adam Yates – durch Stürze und Löcher im Feld auf der 1. Etappe Rückstände kassierten, segelte Bardet ohne Zeitverluste durch die erste Woche. Aber dann begannen die Probleme, und Bardet rutschte in der folgenden Woche immer mehr gegenüber dem späteren Sieger Geraint Thomas ab. AG2R bekam im Mannschaftszeitfahren mehr als eine Minute aufgebrummt, dann hatte Bardet einen schlecht getimten Defekt, kurz bevor das Peloton auf der 6. Etappe in den Schlussanstieg nach Mûr-de- Bretagne ging. Auf der Pavé-Etappe nach Roubaix ereilten Bardet drei Plattfüße – Pech, natürlich, aber es hieß, seine Reifen seien nicht optimal gewesen, und so etwas kann man vermeiden. Am Ende begrenzte eine superbe Leistung seines Teams (und, wie Kritiker unterstellten, der Windschatten vieler vor ihnen fahrender Begleitfahrzeuge) seine Verluste, aber im Ziel in Roubaix am Ende der ersten Woche, bevor die Berge überhaupt begonnen hatten, sah Bardet erledigt aus. Die Zeitverluste – 1:49 auf Thomas bis zum ersten Ruhe­ Mit ordentlicher Schlammpackung fährt Bardet zu einem hart erkämpften zweiten Platz bei Strade Bianche. © Chris Auld APRIL 2019 | PROCYCLING 57