Aufrufe
vor 11 Monaten

Procycling 04.19

  • Text
  • Rennrad
  • Rennen
  • Procycling
  • April
  • Fahrer
  • Etappe
  • Terpstra
  • Avermaet
  • Bardet
  • Sieg
  • Disc

AUF JEDEM TERRAIN ©

AUF JEDEM TERRAIN © Kramon Der Radsport ist jetzt so von der Periodisierung bestimmt, dass sich Fahrer auf immer kleinere Zeitfenster der Saison konzentrieren. Aber Peter Sagan scheint die Fähigkeit und das Verlangen zu haben, die Sportwissenschaft zu entzaubern, und peilt in diesem Frühjahr Mailand–San Remo, das Kopfsteinpflaster von Flandern und Nordfrankreich plus vielleicht sogar die Ardennen-Côtes bei Lüttich–Bastogne– Lüttich an. Ein Sieg bei Lüttich bei seinem Debüt wird schwer, aber die Abfahrt ins neue Ziel im Zentrum von Lüttich wird ihm helfen. Schon allein die Entscheidung, bis Ende April weiterzufahren, betont Sagans eklektische Bandbreite an Talent und Ambitionen. „Die Klassiker sind physisch und mental schwer als Block zu absolvieren, und es wird sehr schwer, von Mailand–San Remo bis Lüttich durchzufahren, aber warum sollte ich es nicht probieren?“, fragte Sagan fast unschuldig, als er während der Vuelta a San Juan über seine Pläne sprach. Neue Herausforderungen und ihre Risiken sind ein Test der Größe. Sagan ist 29 und hat über 100 Rennen gewonnen, drei Weltmeistertitel, sechs Grüne Trikots der Tour, Flandern und Roubaix. Doch nicht einmal Peter Sagan kann seine Form und Fähigkeiten beliebig ausdehnen, daher hat er eine Auswahl getroffen, die es ihm erlaubt, von San Remo bis Lüttich in Bestform zu sein. 2018 opferte er einen Start beim Omloop Het Nieuwsblad, damit er Amstel Gold fahren konnte. Sagan wurde Vierter, nachdem er sich weigerte, die Verfolgung von Michael Valgren, Roman Kreuziger und Enrico Gasparotto anzuführen. Es bestätigte, dass er in den Ardennen konkurrenzfähig war. Sagan verpasste in dieser Saison sowohl das Eröffnungswochenende in Belgien als auch Strade Bianche und blieb dafür länger im Höhentraining in der spanischen Sierra Nevada, wobei Tirreno sein letzter Trainingsblock vor seinen Frühjahrsrennen sein sollte. Sagan wird seinen Start bei Lüttich erst nach Roubaix bestätigen. Aber sein Trainer Patxi Vila weißt, dass Sagan immer in der Lage ist, über sich hinauszuwachsen, und hat seinen Kalender sorgfältig gestaltet. „Wir kennen das schon von ihm. Es scheint unnatürlich, aber er macht es“, erklärte Vila gegenüber Tuttobiciweb im Winter. „Wenn du ein ‚unkontrollierbares‘ Talent bist, ist es schwer, sich weiter zu steigern, weil niemand diesen Weg vorher gegangen ist, aber das ist der Weg, den wir nehmen wollen.“ Sagan spielt die Erwartungen herunter und konzentriert sich stattdessen auf den Peter Sagan ist das beste Beispiel eines Fahrers, der auf jedem Terrain gewinnen kann. Radsport. „Ich arbeite hart, um sicherzustellen, dass es mir immer noch Spaß macht“, sagt er. „Das habe ich mir so aus- PETER SAGAN BORA–HANSGROHE SAGANS KLASSIKER-BILANZ DIE MEISTEN KOPFSTEINPFLASTER-KLASSIKER HAT ER SCHON GEWONNEN PARIS–ROUBAIX FLANDERN-RUNDFAHRT GENT–WEVELGEM E3 HARELBEKE KUURNE–BRÜSSEL–KUURNE OMLOOP HET NIEUWSBLAD FLÈCHE WALLONNE AMSTEL GOLD RACE BRABANTSE PIJL MAILAND–SAN REMO gesucht. Schließlich ist es das Einzige, was ich habe. Das mache ich, seit ich neun Jahre alt war.“ SF DNF DNF 66 86 DNF 49 97 5 2 14 3 DNF 17 4 2 1 3 10 1 2 12 36 1 2 10 23 11 38 30 ’10 ’11 ’12 ’13 ’14 ’15 ’16 ’17 6 16 1 4 4 1 2 7 2 12 27 3 108 1 2 2 1 6 1 26 4 6 ’18 64 PROCYCLING | APRIL 2019

AUF JEDEM TERRAIN Als Bob Jungels 2013 bei Radio- Shack Profi wurde, stand er an einem Scheideweg: Er hatte im Jahr zuvor die U23-Version von Paris–Roubaix gewonnen, hatte also ganz klar ein Faible für das Kopfsteinpflaster. Er konnte gut zeitfahren und klettern. Aber diese Vielseitigkeit hieß auch, dass Jungels den Luxus hatte, sich aussuchen zu können, in welchem Bereich er sich spezialisieren wollte. Anfangs folgte er seinen Landsleuten Andy und Fränk Schleck und konzentrierte sich auf die Ardennen. Die Entscheidung war keine schlechte, Jungels fuhr zweimal in die Top Ten des Giro und gewann im letzten Jahr Lüttich. Aber eine Frage drängte sich auf: Was könnte er bei den Kopfsteinpflaster- Klassikern ausrichten, wenn er die Chance hätte? Nachdem er Lüttich gewonnen hatte, beschloss Jungels, 2019 eine neue Herausforderung anzunehmen und die flämischen Klassiker zu fahren. „Ich glaube, ich habe viel Erfahrung auf dem Kopfsteinpflaster aus meiner Zeit als Junior und U23-Fahrer, und im letzten Jahr bei der Tour bin ich auf dem Pavé gut gefahren, deswegen hatte ich die Flandern- Rundfahrt immer im Kopf“, sagt Jungels zu Procycling. „Am Jahresende haben wir zusammen mit dem Team beschlossen, dass ich es ausprobiere.“ Beginnend mit dem Omloop Het Nieuwsblad fährt Jungels ein volles Kopfsteinpflaster-Programm bis zur Flandern- Rundfahrt. Er verzichtet auf Roubaix sowie Amstel Gold und Flèche, und je nach Form verteidigt er seinen Titel bei Lüttich Ende April. Dann schaltet er im Mai auf die Gesamtwertung beim Giro um. Während Jungels Paris–Roubaix 2013 fuhr und das Roubaix-Pavé von der Tour kennt, ist seine Flandern-Erfahrung weit begrenzter. Er startete in seinem ersten Jahr beim Dwars door Vlaanderen und bestritt schon die Eneco Tour, die über dieselben Straßen führt wie Het Nieuwsblad, aber sonst kaum etwas. Trotz des veränderten Fokus’ hat Jungels sein Training oder sein Gewicht nicht verändert. „Mein Training hat sich nicht sehr geändert; vielleicht habe ich neben dem Radfahren mehr Krafttraining gemacht, nur Fitness, aber ich habe dasselbe Gewicht wie letztes Jahr um diese Zeit. Wir hatten Colombia [das Colombia 2.1-Rennen], ich hatte drei Wochen Höhentraining, ich konnte immer noch klettern, daher scheint es immer noch dasselbe zu sein.“ Jungels glaubt, der größte Unterschied zwischen den Kopfsteinpflaster- und den Ardennen-Rennen laufe nicht auf körperliche Attribute hinaus, sondern vielmehr auf eine andere mentale Einstellung. „Die Kopfsteinpflaster-Klassiker sind nervöser; die Positionierung ist noch wichtiger, weil während des Rennens so viel passieren kann“, sagt er. „Wenn du Lüttich nimmst – da ist nach 200 Kilometern eine natürliche Selektion, aber vorher ist es nicht so gefährlich, was die Nervosität im Feld angeht. Dagegen ist es bei den Kopfsteinpflaster-Klassikern – das war meine Erfahrung, als ich Roubaix gefahren bin – von Anfang an voller Stress, und ich glaube, das kostet dich viel mehr mentale Energie.“ PARIS–ROUBAIX DWARS DOOR VLAANDEREN LÜTTICH–BASTOGNE–LÜTTICH FLÈCHE WALLONNE AMSTEL GOLD RACE 38 23 43 BRABANTSE PIJL MAILAND–SAN REMO Er fügt hinzu: „Es ist eine Technik auf dem Kopfsteinpflaster, und die ist ziemlich schwer zu beschreiben. Einige Fahrer fühlen sich auf dem Pflaster einfach nicht wohl, aber andere schon, und ich hatte eigentlich nie ein Problem damit.“ Jungels hat sich auf jeden Fall schnell an die Umstellung gewöhnt. Obwohl er nach eigenen Angaben nur Erfahrung sammeln wollte, gewann er am Eröffnungswochenende Kuurne–Brüssel– Kuurne. SH JUNGELS’ KLASSIKER-BILANZ DER SIEG IN LÜTTICH IST SEIN HIGHLIGHT 84 DNF DNF 62 82 1 143 87 DNF BOB JUNGELS 66 DECEUNINCK–QUICK-STEP 39 39 ’13 ’14 ’15 ’16 ’17 41 33 72 ’18 Jungels siegte 2018 in Lüttich. Kann er diesen Erfolg auf dem Pflaster wiederholen? © Kramon APRIL 2019 | PROCYCLING 65