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Procycling 04.19

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AUF JEDEM TERRAIN ©

AUF JEDEM TERRAIN © Chris Auld Michael Matthews, so scheint es, kann alles. Ein kurzer Blick auf seinen Palmarès zeigt es, und eine Episode aus seiner Amateurkarriere beweist es praktisch. Im April 2010 war der 19 Jahre alte Matthews noch nie auf Kopfsteinpflaster gefahren, als er mit dem australischen Team in Belgien landete und die U23-Version der Flandern-Rundfahrt fahren sollte. Eine Trainingsfahrt einen Tag vor dem Rennen brachte ihn nicht gerade auf den Geschmack. „Ich habe es gehasst, weil ich viel zu viel Luft in den Reifen hatte und über das Pavé hüpfte. Ich dachte nur: Wie kann man nur auf diesen Dingern fahren?“, erinnert sich Matthews. Einen Tag später wurde er Zweiter in Meerbeke – vor Männern wie John Degenkolb und Luke Rowe. „Ich hatte keine Ahnung, wo ich war, aber ich hatte große Lust, an jedem Anstieg, der an dem Tag kam, zu attackieren. Ich hatte den ganzen Tag ein Lächeln im Gesicht.“ Trotz dieses glänzenden Kurzauftritts vermied Matthews das Kopfsteinpflaster in seinen frühen Jahren als Profi, als seine Merkmale ihm den Ruf eines zweiten Óscar Freire einbrachten. Sein Klassiker- Programm konzentrierte sich daher auf San Remo und Amstel Gold, aber obwohl er bei beiden Rennen 2015 Dritter wurde, haben seine unbestrittenen Qualitäten als Puncheur und Sprinter sich im Frühjahr noch nicht zur Summe ihrer Teile addiert. Obwohl er zu den komplettesten Fahrern im Peloton gehört, waren Matthews’ Siege beim GP Québec und GP Montréal im letzten Jahr seine ersten Eintages-Siege auf WorldTour-Niveau. Seit seinem Wechsel zu Sunweb 2017 ist Matthews sachte in Richtung Kopfsteinpflaster geschoben worden, fuhr in den letzten zwei Jahren das E3 Harelbeke und Gent–Wevelgem. Ermutigt durch das frühe Feedback von dem Experiment – er wurde Achter bei Gent–Wevelgem 2017 und fuhr im letzten Jahr entschlossen, obwohl er sich knapp einen Monat vorher die Schulter gebrochen hatte – wird Matthews das Kopfsteinpflaster in dieser Saison prio - risieren und sein Debüt bei der Flandern- Rundfahrt geben. „Das Team hat sich meine Zahlen in den Ardennen und auf dem Kopfsteinpflaster angeschaut und ist zum Schluss gekommen, dass mir das Kopfsteinpflaster besser liegt“, erklärt Matthews, der zudem bei der letztjährigen BinckBank Tour in Geraardsbergen gewann – ein Triumph, der eine unglückliche Saison auf den Kopf stellte. „Ich bin bei den Pavé-Klassikern nicht so erfahren, wie ich an diesem Punkt meiner Karriere gerne wäre, aber alle Charakteristika meines Fahrstils passen zu ihnen.“ MICHAEL MATTHEWS SUNWEB 66 PROCYCLING | APRIL 2019

AUF JEDEM TERRAIN 2018 trug Matthews ein wenig Extramasse in die Kopfsteinpflaster-Klassiker, glaubte, er könne von etwas zusätzlicher Kraft profitieren, aber 2019 plant er, mit seinem normalen Ardennen-Gewicht in die Flandern-Rundfahrt zu gehen. Denn Matthews glaubt, dass die flämischen und die Ardennen-Klassiker gleichwertige körperliche Herausforderungen darstellen. „Es hört sich wahrscheinlich albern an, aber für mich sind es eigentlich keine unterschiedlichen Rennen“, sagt er. „Sie haben beide kurze, knackige Anstiege. Eins hat Kopfsteinpflaster und das andere nicht, aber für mich ändert das nicht viel. Ich kann auf Kopfsteinpflaster bergauf fahren, und ich kann auf normaler Straße bergauf fahren.“ Die fundamentalen Fähigkeiten, die Matthews zu einem ewigen Herausforderer beim Amstel Gold Race machen, sollten problemlos auf das Kopfsteinpflaster übertragbar sein. „Er hat gute Power über drei bis fünf Minuten, er hat wirklich gute Power über ein bis zwei Minuten, und er kann sprinten. Alle Mittel sind da“, sagt Brian Stephens, der Matthews auf U23- Niveau trainierte und letztes Jahr zum Mitarbeiterstab von Sunweb kam. Er weist auch auf einen weiteren psychologischen Vorteil bei Matthews’ Entscheidung hin, 2019 das Pavé in Angriff zu nehmen. In den vergangenen Jahren, so das Argument, sei die Konzentration auf Amstel Gold fast überwältigend gewesen. „Ich glaube, es war zu intensiv“, bemerkt Stephens. „Wir wollen, dass er unterwegs ist und ein bisschen Spaß hat. Dann fährt er am besten.“ E3 HARELBEKE GENT–WEVELGEM DWARS DOOR VLAANDEREN LÜTTICH–BASTOGNE–LÜTTICH FLÈCHE WALLONNE AMSTEL GOLD RACE BRABANTSE PIJL MAILAND–SAN REMO 69 107 Mailand–San Remo und Amstel bleiben natürlich auf der Agenda, zusammen mit Flèche Wallonne und Lüttich, wo Matthews 2017 Vierter wurde. Es hat eine gewisse Ironie, dass La Doyenne nun, da er seine Aufmerksamkeit gerade auf das Kopfsteinpflaster richtet, zu einem flachen Finale zurückkehrt, obwohl Matthews nicht überzeugt ist, dass ihm die Abkehr von Ans entgegenkommt. „Ich glaube, sie werden einfach früher und härter fahren, um die Sprinter loszuwerden“, sagt er grinsend und fügt hinzu, dass es ihm lieber wäre, wenn Amstel immer noch auf dem Cauberg enden würde. „Es war individueller und es ging mehr dar um, wer an dem Tag am stärksten war. Jetzt gibt es so viele verschiedene Taktiken, dass es mir ein kleines bisschen weniger Spaß macht.“ Matthews wird bis Lüttich durchfahren, trotz seiner Konzentration auf das Kopfsteinpflaster. Es ist ein schweres Programm, doch er glaubt, dass er, wenn er Roubaix auslässt, die Zeit hat, für die Ardennen wieder regeneriert zu sein. Es hilft natürlich, dass er nicht der einzige Kandidat ist, der ein solches Pensum in Angriff nimmt. „Es gibt heute so viele Allrounder im Peloton, Jungs, die klettern und sprinten können“, sagt Matthews. „Warum sollte man nicht Kopfsteinpflaster und Ardennen fahren?“ BR Matthews glaubt, dass ihm seine Fähigkeiten als Allrounder auch auf dem Kopfsteinpflaster helfen werden. MATTHEWS’ RESULTATE BESTÄNDIG GUT, DOCH DER GROSSE SIEG FEHLT NOCH DNF 10 128 112 DNF 12 2 78 DNF 3 2 3 21 5 5 59 8 30 ’11 ’12 ’13 ’14 ’15 ’16 ’17 4 67 10 11 12 13 13 63 5 24 7 ’18 ALLROUND- TALENT Früher gab es immer Fahrer, die auf dem Kopfsteinpflaster und in den Hügeln gut fuhren. Schließlich ist der Unterschied in den Fähigkeiten nicht so groß wie der zwischen einem Klassiker -Spezialisten und einem Grand-Tour-Champion (obwohl: Wenn man weit genug zurückgeht, konnten dieselben Fahrer noch bis weit in die 1980er hinein beides gewinnen). Der Archetyp ist vielleicht Sean Kelly, der in den 1980ern alle Monumente außer der Flandern- Rundfahrt (bei der er dreimal Zweiter wurde) gewann. Kelly zeichnet aus, dass er alle seine Monumente mindestens zwei - mal gewann. Er war zudem bei der Vuelta siegreich; ein vierter Schlussrang war sein höchster bei der Tour de France. Moderne Pendants zu Kelly sind selten. Johan Museeuw dominierte zur Jahrhundertwende auf dem Kopfsteinpflaster und konnte flache Klassiker gewinnen; er konnte auch gut genug klettern, um Amstel Gold zu gewinnen, aber seine beste Platzierung bei Lüttich war Rang sechs. Auch der Italiener Paolo Bettini war gut bei den hügeligen Klassikern, aber er gewann nie einen gepflasterten. Das naheliegendste jüngste Beispiel eines Fahrers, der beides kann, ist Philippe Gilbert. Der Belgier konzentrierte sich auf seinem Zenit mehr auf die hügeligen Klassiker und gewann Lüttich, Lombardei und Amstel, aber sein Sieg bei der Flandern- Rundfahrt 2017 erweiterte seinen Palmarès. Michał Kwiat - kowski erzielte Siege bei Mai - land–San Remo und Amstel Gold sowie E3, ist aber bisher bei der Flandern-Rundfahrt nicht weiter in Erscheinung getreten. Diese beiden Fahrer sowie die fünf in unserem Feature stehen für den Trend, dass die Allrounder glänzen. APRIL 2019 | PROCYCLING 67