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Procycling 04.19

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er letzte Tag des Jahres

er letzte Tag des Jahres bricht sonnig und warm an in Rafah, einem der größten Flüchtlingslager im Gazastreifen. Gaza, die Enklave an der Küste zwischen Ägypten und Israel, ist nur 41 Kilometer lang und an ihrer breitesten Stelle zwölf Kilometer breit. Den offiziellen Zahlen zufolge leben in Gaza im Schnitt über 5.000 Menschen pro Quadratkilometer – nur vier Länder oder Gebiete haben eine größere Bevölkerungsdichte: Macau, Monaco, Singapur und Hong Kong. Alaa al-Dali, der palästinensische Rennfahrer, der von einem Start bei den Paralympics 2020 in Tokio träumt. Winzig klein und überbevölkert, ist Gaza denkbar ungeeignet für den Straßenradsport. Doch hier lebt und trainiert der palästinensische Toprennfahrer. Dies ist die Geschichte eines begnadeten Athleten, der sein Bein verlor und an einem unglaublichen Comeback arbeitet – in einer Umgebung, die für einen Radprofi kaum feindlicher sein kann – oder einen Menschen. Alaa al-Dali, Kapitän des palästinensischen Radsportteams, trainiert mit zwei seiner Teamkollegen auf den holprigen Straßen von Gaza. Die Spannungen sind gestiegen, seit israelische Sicherheitskräfte im November als einheimische Frauen verkleidet innerhalb von Gaza angetroffen wurden. Diese Spannungen bedeuten endlose Checkpoints an den Straßen des Streifens – auch wenn man gerade einen Sprintzug trainiert, muss man trotzdem anhalten und sich ausweisen gegenüber zwei Geheimpolizisten auf einem klapprigen Motorrad. Das passiert oft. Während die Fahrer an zerbombten Gebäuden und Miliz- Übungsplätzen vorbeirollen, dreht sich der Smalltalk um die Gerüchte, dass das Team Sky für 2020 keinen Sponsor hat. Es dauerte eine Weile, bis al-Dali erkannte, dass Sky ein sechsfaches Toursieger-Team ist: Er hat keinen Bezug zu den großen Rundfahrten. Ein Straßenradsportler in Gaza zu sein heißt, dass der Platz zum Training begrenzt ist, und natürlich gibt es keine Berge, auf die man klettern kann. Der Gazastreifen wird von der Hamas regiert, die von Israel als Terrorgruppe eingestuft wird und in einem tiefen politischen Konflikt mit den Regierungen im Westjordanland und Ägypten steht. Seit die Hamas 2007 an die Macht kam, ist die Ausreise über Luft oder Wasser nicht erlaubt, und die Grenzübertritte sind aus Sicherheitsgründen stark eingeschränkt. Für einen Rennfahrer heißt das, dass ihm zum Training ein flaches und überbevölkertes Territorium zur Verfügung steht, halb so groß wie Singapur, wobei große Flächen der militärischen Nutzung vorbehalten sind. Es ist bemerkenswert, dass ein Ausdauersport wie der Radsport an einem so ungeeigneten Ort eine leidenschaftliche Anhängerschaft gefunden hat. „Ich bin früher immer um sechs Uhr morgens aufgestanden und habe vier oder fünf Stunden täglich trainiert. Das bedeutete bei gutem Wetter normalerweise 140 oder 150 Kilometer, an windigen Tagen oder wenn es voll auf den Straßen ist manchmal nur 120 Kilometer. Wir haben zu kämpfen, weil Gaza so klein ist – die längste Straße ist rund 35 Kilometer lang. Wir fahren immer auf denselben Straßen, die nicht so voll sind, hin und her, um auf die 120 Kilometer zu kommen“, sagt al-Dali, während er darauf wartet, dass sein Teamkollege einen platten Reifen repariert. „Die wenigen Straßen, die wir haben, sind in einem furchtbaren Zustand. Unsere Laufräder werden so oft beschädigt“, seufzt er. Weit weg von der weiten Schönheit und dem gebirgigen Terrain der Dolomiten verwundert es nicht, dass sich die Rennfahrer hier ganz auf das Sprinten konzentrieren. Cavendish und Sagan sind die Namen, die man am häufigsten hört, wobei gerade der britische Sprinter in der Radsport-Community von Gaza als absolute Legende verehrt wird. „Wir haben keine Sponsoren oder Gehälter für die Fahrer, daher müssen wir uns die Rennräder selber kaufen, und wir tun unser Bestes, um uns gegenseitig beim Training zu helfen“, sagt al-Dali. „Die Hoffnung, an internationalen Wettkämpfen teilzunehmen, ist unsere Belohnung: Mein Traum ist, bekannte Champions zu treffen. Mein Traum war, gegen Mark Cavendish anzutreten.“ 72 PROCYCLING | APRIL 2019

GAZA „WIR HABEN ZU KÄMPFEN, WEIL GAZA SO KLEIN IST – DIE LÄNGSTE STRASSE IST RUND 35 KILOMETER LANG. WIR FAHREN IMMER AUF DENSELBEN STRASSEN HIN UND HER, UM AUF DIE 120 KILOMETER ZU KOMMEN. STEINE IM WEG An internationalen Rennen teilzunehmen, ist schwer genug, aber al-Dali hatte es mit prosaischeren Problemen zu tun, als er begann. Er musste sich ein Rennrad besorgen, das gut genug war, um damit zu trainieren. Fahrradläden sind rar im Gazastreifen, und bei einem Durchschnittsgehalt von weniger als 2.000 Dollar im Jahr ist der Markt nicht existent. Al-Dali arbeitete jeden Tag nach dem Training auf dem Bau, um seine Familie zu unterstützen. Sein erster Durchbruch kam 2016, als türkische Schiffe 14.000 Tonnen Hilfsgüter in den Gazastreifen lieferten, darunter Rennräder, die der Präsident der Türkei spendiert hatte. Seitdem geht al-Dali seiner Leidenschaft nach. Als Radsportler Erfolg zu haben, ist ziemlich aussichtslos, aber es herrschen 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Gaza, daher wird Sport sehr ernst genommen und als Weg in eine bessere Zukunft gesehen. Al-Dali stieg in der örtlichen Szene schnell auf und etablierte sich als einer der besten palästinensischen Rennfahrer. 2018 wurde er Straßenmeister seines Landes. Das Rennen wurde vom Palästinensischen Olympischen Komitee unterstützt, in Zusammenarbeit mit dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen und der Regierung von Japan. Er wurde mit zwei weiteren Rennfahrern ausgewählt, Palästina im Ausland zu vertreten, angefangen bei Training in Gaza ist ein ständiges Umzirkeln von Schlaglöchern und Einschlagskratern. den Asienspielen, die im August 2018 in Jakarta stattfinden sollten. Al-Dali erinnert sich genau an den Moment, als der japanische Botschafter ihm die Medaille überreichte. Das hätte der Ausgangspunkt seiner Karriere als Radprofi werden sollen. Die Gelegenheit ging über die sportliche Bedeutung des Events hinaus, besonders für einen Athleten aus einem der umkämpftes - ten Territorien im Nahen Osten, wo die Bewohner kein Recht auf Staatsbürgerschaft haben. „Die palästinensische Flagge bei internationalen Wettkämpfen zu hissen, ist für viele Athleten eine Form des Widerstands. Friedlicher Widerstand“, sagt Mohammed El Arabi, Mitglied des Palästinensischen Paralympischen Komitees und Vorsitzender des „Peace Club for Persons with Disabilities“. Außer der politischen Bedeutung ist die Teilnahme an internationalen Rennen die einzige Möglichkeit für einen Rennfahrer aus dem Gazastreifen, sich auf anderen Straßen, Höhen und Steigungen zu testen oder zu lernen, ein langes Rennen in einem großen Peloton zu lesen. Natürlich übt sich das kleine Team jeden Tag in der Kunst der Sprintvorbereitung und fährt sich so gut wie möglich warm, indem es die kurzen Strecken hin und her fährt, bevor es ans Sprinten geht. Bei schwachem Wind auf den flachen Straßen liegt die durchschnittliche Zeit auf den letzten vier Kilometern ihres Trainings bei vier Minuten. Aber egal, wie viel Kraft APRIL 2019 | PROCYCLING 73