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Procycling 04.19

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GAZA „DIE KUGEL, DIE

GAZA „DIE KUGEL, DIE AUF MICH ABGEFEUERT WURDE, WAR WIE EINE KLEINE GRANATE. SIE HAT FAST DEN GANZEN KNOCHEN MEINES BEINES ZERTRÜMMERT. DER ARZT SAGTE, ER HABE SO ETWAS NOCH NIE GESEHEN.“ man mit den Beinen produzieren kann, ist es schwer, sich als professionellen Sprinter zu betrachten, wenn man nicht weiß, wie man die letzten 200 Kilometer eines hügeligen Rennens überlebt, um überhaupt zum Sprint zu kommen. Wie die palästinensischen Radsportler gut wissen, ist es eine Sache, um den Sieg zu kämpfen, und eine andere, überhaupt die Chance zu bekommen, um den Sieg zu kämpfen. Al-Dali ist sich dieses Defizits durchaus bewusst, aber er hatte keine Wahl. Wenn er in diesem Jahr 22 wird, hatte er nie die Chance, den Gazastreifen zu verlassen. „In den letzten zwei Jahren hatten wir viele Einladungen, im Ausland zu starten: Ägypten, Tunesien … 2017 wurden wir auch eingeladen, in der Arabischen Union in Algerien anzutreten, aber unsere Anträge, den Streifen zu verlassen, wurden immer abgelehnt. Als nationale Athleten sollen wir uns aus der Politik raushalten. Wir betreiben nur einen Sport, aber sie schränken uns mit ihrer Politik ein. Wir dürfen nicht reisen wegen der internationalen Beziehungen zwischen Gaza und anderen Ländern. Ägypten hat die Grenze geschlossen wegen des Konflikts zwischen der Hamas und dem ägyptischen Präsidenten. Auf der anderen Seite hat Israel alle unsere Anträge abgelehnt, aus Gaza auszureisen und unsere Träume als Palästinenser zu verwirklichen. Wenn du so oft abgelehnt wirst, kannst du lebenslang für Israel gesperrt werden, und das ist der schlimmste Albtraum für Athleten in Gaza. Sie haben unsere Papiere aus politischen Gründen abgelehnt: Sie betrachten uns wie Politiker oder als ob wir alle Terroristen wären.“ In der Reha hofft al-Dali darauf, es einmal bis zu den Paralympics zu schaffen. Die offizielle Richtlinie der israelischen Regierung lautet: „Die Einwohner des Gazastreifens, die Mitglieder nationaler und regionaler Mannschaften sind, dürfen Israel betreten, um nach Judäa, Samaria und weiter ins Ausland zu reisen für offizielle Aktivitäten der Mannschaft. Einlass wird auch den Mitgliedern des Olympischen Komitees und des palästinensischen Fußballverbands gewährt.“ Wenn man mit Sportvereinen im Gazastreifen spricht, hört man jedes Mal eine andere Version der Geschichte. Ein Sportvisum zu bekommen, ist ein komplizierter Vorgang, und vieles kann schiefgehen. Junge Talente aus Gaza haben große Probleme, vor allem wenn sie an nichtolympischen Rennen oder Trainingslagern teilnehmen wollen. „Manchmal geben sie eine Erlaubnis für nur vier oder drei Mitglieder des Teams, aber andere Teams aus anderen Ländern können alle da sein, daher können wir nicht am Wettkampf teilnehmen“, sagte Mohammed El Arabi. Die ägyptische Grenze zu überqueren, bringt administrative Hindernisse für palästinensische Athleten mit sich. Al-Dali wurde zwar ausgewählt, an den Asienspielen 2018 teilzunehmen, konnte sich aber nicht sicher sein, dass er Gaza würde verlassen dürfen, um dorthin zu reisen. Er fürchtete, wegen Vergeltungsmaßnahmen an der Grenze eine einmalige Chance zu verpassen, sich auf internationaler Bühne zu beweisen. Daher beschloss er, am ersten „Marsch der Rückkehr“ am 30. März 2018 teilzunehmen. Diese Entscheidung sollte nicht nur seine Karriere, sondern sein ganzes Leben für immer verändern. 74 PROCYCLING | APRIL 2019

GAZA UNHEILVOLLE RÜCKKEHR Sich wieder ans Pedalieren zu gewöhnen, bringt al-Dali immer wieder an den Rand der Erschöpfung. Al-Dali hofft, dass die Medaillen, die er als palästinensischer Rennfahrer gewann, nicht seine letzten sind. Der „Marsch der Rückkehr“ ist eine anhaltende Massendemon - stration, die seit März 2018 jeden Freitag an der Grenze des Gazastreifens stattfindet. Sie ist so umstritten und polarisierend, dass sich die verschiedenen Seiten nicht einmal auf einen Namen für den Protest selbst einigen können. Die politischen Parteien des Gazastreifens, Tausende von Teilnehmern und ihre internationalen Sympathisanten nannten es den „Großen Marsch der Rückkehr“. Sie fordern, dass die israelische Regierung den Verkehr von Menschen und Gütern erleichtert und die zwölf Jahre dauernde Blockade des Gazastreifens aufhebt. Sie fordern auch, dass palästinensische Flüchtlinge in ihre Häuser zurückkehren können, ein Recht, das von den Vereinten Nationen anerkannt wird, aber eine demografische Bedrohung für Israel darstellt. Kritiker sehen in der Demonstration einen von der Hamas ohne Rücksicht auf Verluste auf palästinensischer Seite angezettelten Aufstand, der die Sicherheit und Integrität des israelischen Staates gefährdet, weil gewaltbereite Teilnehmer, darunter viele Hamas-Aktivisten, den Grenzzaun zwischen den beiden Territorien überwinden wollen. Nach BBC-Berichten erlaubten israelische Kommandeure den Soldaten, nach bestimmten Regeln auf jeden Menschen scharf zu schießen, der sich dem Grenzzaun auf 300 Meter nähert – was unlängst auf 100 Meter reduziert wurde. In der Folge sind nach Angaben des israelischen Informationscenters für Menschenrechte in den besetzten Gebieten und Amnesty International über 150 Personen, darunter Demonstranten, Journalisten, Rettungskräfte und Minderjährige, getötet worden. Ein israelischer Soldat kam ums Leben. Mehr als 10.000 Demonstranten wurden verwundet, 121 davon verloren ein Bein. Unter ihnen: Alaa al-Dali. „Ich wollte in meiner Radbekleidung und mit Rennrad teilnehmen, um zu zeigen, wie eingeschränkt ich mich als Athlet fühle, und meine Rechte einfordern“, sagt er. Al-Dali sitzt jetzt zu Hause, mit seinen Brüdern und einem seiner Freunde. Jemand im Zimmer schlägt vor, er solle nicht darüber reden – die Erinnerung sei vielleicht zu schmerzhaft. An diesem ersten Tag des „Marsches der Rückkehr“ stand al-Dali nach seiner Erinnerung rund 150 Meter vom Grenzzaun zwischen Israel und Gaza entfernt. Er rechnete nicht damit, dass man auf ihn schießt; er sagt, er habe friedlich mit seinem Rad und seinem Teamkollegen demonstriert. Plötzlich traf ein explosives Geschoss, das von israelischen Soldaten auf der anderen Seite abgefeuert wurde, sein rechtes Bein. Man kann sich kaum vorstellen, wie es sich anfühlt, in kürzester Zeit von einem Topathleten zu einer Zahl unter Tausenden von Opfern zu werden. „Die Kugel, die auf mich abgefeuert wurde, war wie eine kleine Granate. Sie hat fast den ganzen Knochen meines Beines zertrümmert, 22 Zentimeter davon. Die Muskeln, Arterien und Venen waren total zerfetzt. Der Arzt sagte, er habe so etwas noch nie vorher gesehen.“ Die Ärzte hielten es für ein Wunder, dass er keinen hypovolämischen Schock wegen des starken Blutdruckverlustes erlitten hatte. Sein Herz pumpte gerade genug, damit er überlebte. Wahrscheinlich war das nur möglich, weil er damals ein trainierter Athlet war; andere wären sicher gestorben. Unterdessen wurde weit weg von al-Dalis persönlichem Drama entschieden, dass keiner der verletzten Demonstranten den Gazastreifen für eine medizinische Behandlung verlassen durfte, weil sie an einem von Terroristen unterstützten Protest teilgenommen hätten, wie es hieß. Seine einzige Option war das überbelegte und unterfinanzierte Krankenhaus in Gaza Stadt. Al-Dali wurde gesagt, dass sein rechtes Bein oberhalb des Knies amputiert werden müsse, um sein Leben zu retten. Aber ohne das Bein hätte er das Gefühl gehabt zu sterben. © Momen Faiz/Getty Images (klein) APRIL 2019 | PROCYCLING 75