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Procycling 04.19

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GAZA „ICH ENTGEGNETE:

GAZA „ICH ENTGEGNETE: ,NUR DU, ALAA, VERSUCHST, PARACYCLING ZU MACHEN.‘ DANN HABE ICH ERKANNT, DASS 120 PERSONEN IN DEN VERGANGENEN MONATEN EIN BEIN VERLOREN HABEN. WIR KÖNNTEN EIN TEAM UM ALAA HERUM AUFBAUEN.“ © Momen Faiz/Getty Images (klein) „Ich habe den Arzt angefleht, alles zu tun, bevor er es amputiert, weil meine Träume als Athlet mit diesen Beinen verbunden sind. Ohne eins von ihnen hatte ich das Gefühl, nichts zu sein. Ich verbrachte acht Tage im Operationssaal. Jeden Tag hatte ich einen Eingriff. Ich hatte solche Schmerzen und die Fragmente der Kugel haben alles infiziert. Eine Woche ging vorbei und ich musste eine Wahl treffen: entweder die Amputation oder mein Leben verlieren. Ich willigte ein, dass das Bein abgenommen wird. Es war eine sehr harte Entscheidung.“ Zu Hause sitzend, beschreibt er die Details des schlimmsten Augenblicks in seinem jungen Leben, während seine Familie ihrer Arbeit nachgeht. Seine Mutter bringt Tee, sein Vater macht Gurken zurecht, die sie regelmäßig an Hilfseinrichtungen in Gaza City spenden, und sein Bruder hängt einfach rum. Sie scheinen an das Medieninteresse gewöhnt zu sein, das al-Dali weckt, seit er sein Bein verloren hat. Während der Kontroverse um den Start des Giro d’Italia in Israel, die nur einen Monat nach der Amputation aufkam, sorgte seine Geschichte für Schlagzeilen. Im Frühjahr 2018 versuchte al-Dali, mit seinem Trauma zurechtzukommen, während die Journalisten an seine Tür klopften und um Interviews baten. Anfangs ließ er sie herein, in der Hoffnung, dass die Publicity helfen könnte, seine Karriere neu zu starten. Vielleicht würde sich jemand melden und ihm helfen, nach Europa zu reisen, um sich eine Hightech-Sportprothese anfertigen zu lassen. Er würde reisen müssen, denn das Material, aus dem Sportprothesen hergestellt werden, unterliegt in Gaza einem strengen Einfuhrverbot. Aber das Medieninteresse brachte wenig Gutes. Er beschloss, ein Comeback im Sport zu versuchen, mit der Situation selbst zurechtzukommen und mit dem weiterzumachen, was er hatte. Weniger als drei Monate nach der Verletzung verkündete er Al-Dali erlitt schreckliche Verletzungen, als er beim „Marsch der Rückkehr“ von einer Kugel getroffen wurde. seine Pläne, das erste Paracycling- Team in Gaza zu gründen. „Ich bin entschlossen und werde meine Träume nicht aufgeben“, sagt er. Al-Dalis größte Hoffnung war immer, Palästina bei den Olympischen Spielen zu vertreten. Er hat sein langfristiges Ziel jetzt einfach stattdessen neu auf die Paralympics ausgerichtet. Wenn schon der Radsport in Gaza eine Randsportart ist, dann ist Paracycling überhaupt nicht auf dem Schirm. Aber drei größere Kriege in Gaza in den letzten zehn Jahren haben 130.000 Menschen hervorgebracht, die unter irgendeiner Form von Behinderung leiden. Es fällt auf, wenn man über die Straße geht. Laut dem palästinensischen Zentralamt für Statistik sind fast sieben von 100 Menschen behindert, und die meisten von ihnen sind jung. Es ist eine bittere Ironie, dass es ein großes Potenzial in Gaza gibt, eine Generation von Parasport-Champions aufzubauen. Das hatte al-Dali vielleicht im Sinn, als er den Paralympic-Funktionär Mohammed El Arabi direkt ansprach. „Alaa kam und schlug vor, einen Paracycling-Verband in Gaza zu gründen“, erinnerte sich El Arabi. „Ich entgegnete: ,Es gibt keine Radsportler. Nur du, Alaa, versuchst, Paracycling zu machen.‘ Aber dann habe ich erkannt, dass 120 Personen in den vergangenen Monaten ein Bein verloren haben. Wir könnten ein Team um Alaa herum aufbauen, indem wir Workshops organisieren, die Alaa mit diesen in letzter Zeit verletzten Leuten leitet, um zu sehen, ob sie zum Team kommen wollen.“ 76 PROCYCLING | APRIL 2019

GAZA EIN TEAM AUFBAUEN Im extrem dicht bevölkerten Gazastreifen gibt es kaum Möglichkeiten für Radsportler, zu trainieren. Autowracks und Ruinen erinnern immer wieder daran, dass Gaza ein Kriegsgebiet ist. Al-Dalis erste Station bei seiner Reha und seiner Suche nach neuen Paracycling-Teamkollegen ist das Artificial Limbs and Polio Centre (ALPC). Es ist das einzige Prothesen-Zentrum in Gaza, eingerichtet von der örtlichen Regierung und dem Internationalen Roten Kreuz. Er ist bis Februar in der Reha, mit psychologischer Unterstützung, körperlichem Training und einer einfachen Beinprothese. Er ist nicht allein. Seit die Proteste begannen, hat das ALPC 74 neue Amputationspatienten aufgenommen, einige davon frühere Athleten wie al-Dali. Das Rote Kreuz fördert Behindertensport in Gaza, indem es ein erfolgreiches und professionelles Rollstuhlbasketballteam mit über 200 Mitgliedern unterstützt. Al-Dalis charismatischer Einfluss treibt Ahmed Mousa, den Projektmanager für physische Rehabilitation bei der Gaza-Delegation des Roten Kreuzes, an, die Idee der Finanzierung des Projekts ernsthaft in Erwägung zu ziehen. „Dies ist eine gute Chance für das Paralympische Komitee, mit jemandem wie Alaa zu arbeiten. Er hat schon Erfahrung im Straßenradsport und könnte für Paracycling werben. Das ist kein Versprechen von unserer Seite, aber wir wollen die Möglichkeiten prüfen“, sagt er. Mohammed El Arabi bemüht sich um die volle Unterstützung des Paralympischen Komitees und um Geldgeber im Ausland, während er die Regeln des Paracycling besser zu verstehen versucht. Das ist neu für sie, also müssen sie auf das Wissen anderer internationaler Verbände zurückgreifen. Die naheliegendste Art, die Welt wissen zu lassen, dass sie existieren, ist, al-Dali zu helfen, im Ausland als Behindertenradsportler anzutreten. Die erste Chance kam vom Asiatischen Paralympischen Komitee (APC), das al-Dali zu den Asian Para Games 2018 einlud, die im letzten Oktober in Jakarta, Indonesien, stattfanden. Das APC kümmerte sich um Visa und einen Trainer, während die UCI Renngenehmigungen ausstellte und die Organisatoren die Flüge organisierten. Aber wieder war die ägyptische Grenze geschlossen, und er konnte keinen Antrag in Israel stellen aus Angst, auf die schwarze Liste gesetzt zu werden. Später, im November, bekamen al-Dali und Mohammed Einladungen, in Frankreich zu sprechen und sich für die Rechte von Athleten im Gazastreifen einzusetzen, aber die französische Regierung erteilte ihnen keine Visa aus Angst, al-Dali könne in Europa bleiben und Asyl beantragen. Die Frustration wächst: Die Palästinenser wollen das Paracycling- Team zu den Paralympics 2020 in Tokio bringen, doch die Zeit geht ihnen aus. Um sich zu qualifizieren, muss ein Team an mindestens zwei internationalen Wettkämpfen teilgenommen haben, einer in der arabischen Meisterschaft und einer in Asien. Selbst wenn sie das Team ins Leben rufen, sind die verweigerten Reisegenehmigungen kein gutes Zeichen. Ein weiteres Problem ist, wie man Räder für eine Mannschaft importiert, während die Blockade des Gazastreifens andauert. „Ich glaube, es wird schwer für ein Team, sich für Tokio zu qualifizieren. Wenn es eine Chance gibt, dann braucht Alaa eine Sondereinladung, die anerkennt, dass er in jüngerer Zeit verwundet wurde und dass er dabei hilft, Paracycling im Nahen Osten zu etablieren“, sagte El Arabi. Die Sondereinladungen, die Mohammed meint, werden nicht so einfach verteilt, obwohl al-Dali vielleicht einen starken Verbündeten hat. „Nachdem ich angeschossen wurde, hat mich der japanische Botschafter, der mir letztes Jahr die Goldmedaille als bester Radsportler Palästinas überreichte, zwei- oder dreimal getroffen. Fast alle Besuche im Gazastreifen umfassten Treffen mit mir. Ich habe ihn gebeten, mir zu helfen, ein Team für Paralympischen Spiele aufzubauen; es wäre das erste Mal, dass es das in Palästina gibt. Er hat mir versprochen, sein Bestes zu tun.“ DER TRAUM VON FREIHEIT Auf der Hauptstraße durch den Gazastreifen, der Rafah mit Gaza Stadt verbindet, schreien die morgendlichen Pendler diesen Radfahrer nicht mehr an, der ständig ein bisschen Platz im Verkehr einnimmt. Mit nur einem Bein zu treten, erschöpft al-Dali nach ein paar Kilometern, und seine Erholungszeit beträgt jetzt bis zu sechs Tage. Er hat das Gefühl, dass die Prothese das verlorene Bein nicht kompensiert; fast das ganze Gewicht seines Körpers wird immer noch vom verbleibenden Bein getragen. Nach wie vor hofft er auf eine Möglichkeit, eine Prothese zu bekommen, mit der er weniger Schmerzen hat und die er vielleicht auch zum Radfahren benutzen kann. Damit könnte er besser trainieren und sein Bein für die Paralympics stärken, wenn er die Chance bekommt, dort anzutreten. „Ich habe immer noch denselben Traum. Meine Entschlossenheit ist noch größer als vorher, mir diese Leidenschaft zu erfüllen“, sagt er. „Es stimmt, dass ich die palästinensische Flagge nicht mit zwei Beinen hissen konnte. Aber ich werde es mit einem Bein tun.“ Flavia Cappellini und Nicola Zolin sind mit logistischer Unterstützung von VIK, dem Italian Centre for Cultural Exchange, nach Gaza gereist (www.centro-vik.org). APRIL 2019 | PROCYCLING 77