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Procycling 06.2019

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PROLOG AUS DEM HERZEN

PROLOG AUS DEM HERZEN DES PELOTONS „ICH HABE BESCHLOSSEN, MIR EINE PAUSE ZU NEHMEN“ Marcel Kittel hat seinen Vertrag mit Katusha-Alpecin vorzeitig aufgelöst. © Chris Graythen/Getty Images Auf meinen Wunsch hin haben Team Katusha-Alpecin und ich einvernehmlich beschlossen, meinen aktuellen Vertrag vorzeitig zu beenden.“ Mit diesen Zeilen endete am 9. Mai nach eineinhalb Jahren die Zusammenarbeit von Marcel Kittel und Katusha-Alpecin. Ausbleibende Ergebnisse, abgebrochene Rennen, Rennabsagen – schon in den letzten Monaten hatte sich mehr und mehr angedeutet, dass es beim 31-jährigen Topsprinter aus Arnstadt alles andere als rund läuft. Gerade einmal einen Sieg im Rahmen der Mallorca Challenge zu Saisonbeginn hat Kittel bis dato zu Buche stehen – zu wenig für einen Fahrer seines Kalibers. Ein langes, auf Kittels Homepage veröffentlichtes Statement bringt nun Licht ins Dunkel: „Es war für mich ein langer Entscheidungsprozess, in dem ich mir viele Fragen stellte, wie und wohin ich als Person und Athlet gehen möchte und was für mich wirklich wichtig ist. Ich liebe das Radfahren, und meine Leidenschaft für diesen schönen Sport ist nicht verschwunden, aber ich weiß auch, was es von mir verlangt und was ich brauche, um erfolgreich zu sein. […] In den letzten zwei Monaten hatte ich das Gefühl, erschöpft zu sein. Momentan kann ich nicht auf höchstem Niveau trainieren und Rennen fahren. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, mir eine Pause zu nehmen, über meine Ziele nachzudenken und einen Plan für meine Zukunft zu machen“, schreibt der 14-fache Tour-de-France-Etappensieger. Katusha-Alpecin und Marcel Kittel – von Beginn an war es eine Partnerschaft, der gemeinsame Erfolge nicht vergönnt sein sollten. Nachdem er 2017 mit Quick-Step Floors noch fünf Etappen bei der Tour de France gewonnen hatte und als bester Sprinter der Welt gegolten hatte, reichte es in seinem neuen Team in eineinhalb Jahren gerade einmal zu insgesamt drei Erfolgen. Der Tiefpunkt: die letztjährige Tour de France, als Kittel auf der elften Etappe aus dem Zeitlimit fiel und somit die Tour vorzeitig verlassen musste. Zu allem Über- 14 PROCYCLING | JUNI 2019

Bereits bei der Tour de France 2018 war Kittel hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Auf der elften Etappe fiel der bis dato 14-fache Tour-Tagessieger sogar aus dem Zeitlimit und musste die Frankreich-Rundfahrt damit vorzeitig verlassen. fluss überschatteten Querelen zwischen ihm und Katusha-Sportdirektor Dimitri Konyschew das Rennen: Konyschew hatte Kittel in einem Interview als „Egoisten“ bezeichnet, der „nur an sich selbst interessiert“ sei. Nach einem vorzeitigen Saisonaus im August bei der Deutschland Tour schien sich über den Winter alles zum Besseren zu wenden. Zum Saisonstart wirkte Kittel frisch und motiviert, gewann das Trofeo Palma auf Mallorca und wurde zwei Wochen später Zweiter der Clasica de Almeria. Seitdem war es jedoch still um den einstigen Seriensieger geworden. Außer dem Satz in Sachen anhaltender „Erschöpfung“ gibt Kittel keine weiteren Hinweise auf die Gründe des vorzeitigen Ausstiegs bei Katusha- Alpecin. Auf seiner Website schreibt er: „Ich habe diese Entscheidung aufgrund meiner Erfahrung getroffen, dass Veränderungen zu neuen Wegen und Möglichkeiten führen […]. „An dieser Stelle möchte ich dem Team für die letzten 1,5 Jahre und deren Unterstützung danken. Ganz besonders möchte ich mich bei den Betreuern des Teams bedanken. Aus tiefstem Herzen kann ich sagen, dass sie die besten und am härtesten arbeitenden Menschen sind, die ich je gesehen habe. Es tut mir leid, dass ich ihre Leidenschaft nicht mit mehr Siegen und Ergebnissen befeuern konnte. Ich möchte mich auch bei den Sponso - ren und Partnern bedanken, die mit ihrer Unterstützung und ihrem Wissen weiterhin an das Team glauben.“ Auch bei Katusha-Alpecin reagierte man mit Bestürzung. Teammanager José Azevedo sagte: „Mit Bedauern haben wir Marcels Wunsch, sich vom Team und vom Renngeschehen zurückzuziehen, akzeptiert. Wir verstehen die Situation, in der sich Marcel befindet, und wir unterstützen ihn in dieser schwierigen Zeit voll und ganz. Alle Teammitglieder werden Marcel auch in Zukunft unterstützen.“ Wie es mit Marcel Kittel nun weitergeht, ist ungewiss. Fest steht, dass er ohne Team bei der bevorstehenden Tour de France nicht an den Start gehen darf. Auch eine Fortsetzung der Karriere erscheint nach den letzten beiden schwierigen Jahren derzeit ungewiss. Kittel selbst will sich auf ein Karriereende allerdings nicht festlegen. „Trotz aller Unsicherheiten bin ich zuversichtlich, dass ich letztendlich neue Chancen und Herausforderungen finde. Von nun an werde ich mein Glück und meine Freude über alles stellen und nach Wegen suchen, dies auch in meiner Zukunft zu finden. Ich bin sehr gespannt, was kommen wird. Ich möchte in Zukunft wieder Rennen fahren und muss einen Plan ausarbeiten, um dieses Ziel zu erreichen. Dies ist die größte Herausforderung meiner Karriere und ich nehme sie an.“ „IN DEN LETZTEN ZWEI MONATEN HATTE ICH DAS GEFÜHL, ERSCHÖPFT ZU SEIN. MOMENTAN KANN ICH NICHT AUF HÖCHSTEM NIVEAU TRAINIEREN UND RENNEN FAHREN.“ © Justin Setterfield/Getty Images, Team Katusha-Alpecin (Porträt) JUNI 2019 | PROCYCLING 15