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Procycling 06.2019

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DAS GROSSE INTERVIEW

DAS GROSSE INTERVIEW Giro war anders, er war vom ersten Tag an schwer und hatte schwere Etappen. Ich konnte in diesen Bergen nicht einmal angreifen oder Zeit auf Rivalen herausfahren. Es war ein großer Unterschied zu 2017.“ 18 Etappen lang schien sein Giro ein Duell mit Simon Yates zu sein, und als der Brite in der Maglia Rosa in Prato Nevoso erste Schwächen zeigte, schien sich das Blatt zugunsten von Dumoulin zu wenden. Yates brach am folgenden Tag am Colle delle Finestre endgültig ein, aber niemand – selbst Dumoulin nicht – hätte damit gerechnet, dass ein bis dahin harmlos wirkender Froome 70 Kilometer vor dem Ziel ein Solo startet und mit drei Minuten Vorsprung gewinnt. Froome sagte später, dass Dumoulin den Giro gewonnen hätte, wenn er nicht auf die Hilfe anderer gewartet hätte, bevor er nach dem Finestre die Verfolgung aufnahm, doch der Holländer hält nichts vom Konjunktiv in der Vergangenheit. „Bei den Informationen, die ich in dem Moment hatte, habe ich die einzig richtige Entscheidung getroffen. Rückblickend habe ich natürlich die falsche Entscheidung gefällt“, sagt Dumoulin. „Ich hätte sofort hinterhergehen sollen, aber das hätte ich am Gipfel des Finestre nicht wissen können. Es ist nachher einfach zu sagen und zu twittern: ‚Er hat’s vermasselt.‘ Ja, gut, natürlich habe ich das. Aber in jenem Moment habe ich das nicht.“ Nach Dumoulins zweitem Platz bei der Tour hinter Thomas, aber vor Froome, ging eine weitere Runde Hypothesenbildung los. Am Ende war die kumulative Erschöpfung so groß, dass an einen Angriff auf Thomas’ Gelbes Trikot nicht zu denken war. „Ich habe einfach nur meine Position verteidigt, was schon schwer genug war“, sagt Dumoulin, aber er tut die Frage lachend ab, was er hätte erreichen können „KÖRPERLICH WAR ICH TROTZ DES GANZEN MISTS BEI ZWEI LANDESRUNDFAHRTEN HINTEREINANDER AUF SEHR HOHEM NIVEAU – DARAUF BIN ICH STOLZ.“ ohne die Nachwirkung des Giro. „Darüber habe ich nie nachgedacht.“ Dumoulins Saison brachte nicht die großen Siege von 2017 – er verlor seinen Zeitfahr-Weltmeistertitel in Innsbruck an Rohan Dennis, während er im Straßenrennen mit einer sehenswerten Aufholjagd auf den vierten Platz fuhr –, aber er stellt die Leistungen klar über die von 2017. „Mental hatte ich zu Beginn des Jahres einige Probleme und die zu überwinden, war ein großer Sieg. Dann war ich körperlich – trotz des ganzen Mists – bei zwei Landesrundfahrten hintereinander auf sehr hohem Niveau, die Kombination, von der alle sagen, sie sei Dumoulin gibt zu, dass mit Geraint Thomas der bessere Fahrer die Tour 2018 gewonnen hat. unmöglich, daher bin ich stolz“, sagt Dumoulin. „2017 hatte ich größere Höhen bei den Resultaten, aber körperlich und mental war 2018 besser.“ Als Dumoulin letzten Sommer sagte, dass er nicht vorhabe, 2019 zwei große Rundfahrten zu bestreiten, war der Rückschluss, dass er seine Saison endlich auf die Tour ausrichtet. Die ursprünglichen Pläne von Sunweb drehten sich um den Juli, aber eine Tour-Route, die weitgehend frei von Zeitfahren ist, dämpfte Dumoulins Begeisterung für das Projekt bald. Der Giro mit seinen drei Einzelzeitfahren schien hingegen maßgeschneidert für ihn zu sein. Dumoulins Präferenz war klar, obwohl seine Sponsoren vielleicht erst überzeugt werden mussten. „Ich kann nicht immer weiter warten“, räumt er ein. Doch dieser Giro war zu verlockend, um ihn sausen zu lassen. Die Diskussionen dauerten fast den ganzen Herbst, ein weiterer Anlauf auf das Double nahm als Kompromiss zwischen persönlicher Vorliebe und beruflicher Pflicht Gestalt an. „Es war eine schwere Entscheidung, weil wir vorgehabt hatten, uns auf die Tour zu konzentrieren, und die Pläne aller Fahrer waren darauf ausgerichtet“, sagt Dumoulin. Seine Überlegung ist simpel. Die Route der Tour 2019 begünstigt die Kletterer und setzt dem, was er erreichen kann, eine gläserne Decke auf. „Ich war in den Bergen immer noch nicht der Beste. Ich war nahe dran, der Beste zu sein, aber ich war nie wirklich der Beste. Die Tour zu gewinnen, wäre eine geringe Chance“, sagt er © Getty Images VUELTA A ESPAÑA 2015: 6. Dumoulin gelingt der Grand- Tour-Durchbruch: Er hält bei Bergankünften mit und gewinnt das Zeitfahren. Er trägt am drittletzten Tag das Rote Trikot, bricht aber ein, als Aru Druck macht, und landet auf dem 6. Platz. TOUR DE ROMANDIE 2016: 5. Unterliegt beim Prolog und dem Zeitfahren auf der 3. Etappe überraschend Ion Izagirre beziehungsweise Thibaut Pinot. Doch dank seiner Beständigkeit in den Bergen bleibt Dumoulin mühelos in den Top Ten. TIRRENO–ADRIATICO 2017: 6. Kann es bei der Bergankunft am Terminillo nicht mit den reinen Kletterern aufnehmen und schneidet beim abschließenden Zeitfahren mit dem 13. Platz ungewöhnlich schlecht ab. Der 6. Gesamtrang ist ein faires Ergebnis. GIRO D’ITALIA 2017: 1. Dumoulins erster Grand-Tour-Sieg kommt dank eines stürmischen Zeitfahrens auf der 10. Etappe, wo nur vier Fahrer weniger als 2:00 Minuten auf ihn verlieren. Aber er ist auch ein Faktor in den Bergen und tut genug, um Quintana um 31 Sekunden zu schlagen. 34 PROCYCLING | JUNI 2019

weiter. „Dritter zu werden, wäre ein gutes Resultat, aber Dritter bei der Tour ist nicht, was ich anstrebe. Ein zweiter Giro-Sieg würde meine Karriere bereichern.“ Vor einem Jahr waren Dumoulin und Froome die ersten Fahrer, die im selben Jahr auf dem Podium von Giro und Tour standen, seit Marco Pantani 1998 beide Rennen gewann, aber er spielt seine Chancen herunter, die Leistungen des verstorbenen Italieners zu wiederholen, und verweist auf den geringeren Abstand – fünf Wochen statt sechs wie im letzten Jahr – zwischen den Rennen. „Die Chance, bei beiden Rennen gut zu sein, war schon gering und ist jetzt noch geringer“, sagt er. „Bei der Tour ums Podium zu kämpfen, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Ich nehme es, wie es kommt.“ Die Qualität der Konkurrenz beim diesjährigen Giro, wo das Feld Simon Yates, Vincenzo Nibali und Primož Roglic umfasst, kann sich mit der der Tour messen – mit einer Einschränkung: Ineos schont Froome und Thomas für den Juli. Doch Dumoulin weist den Gedanken zurück, dass die Überlegenheit des britischen Teams bei der Tour ihn zum Giro-Start bewogen habe, genau wie er ihre Stärke in der Tiefe nicht als Entschuldigung für seine Niederlage gegen Thomas im letzten Jahr gelten lassen will. „Ich habe keine Angst vor Sky [Ineos]“, sagt Dumoulin. „Die Leute sagen, Sky dominiert das Rennen, aber sie hatten einfach immer den besten Fahrer. An einem 20-Kilometer-Berg geht es um deine Beine, es geht nicht darum, wie stark Bernal oder sonst wer ist, und Thomas war im letzten Jahr der beste Fahrer. Wenn ich, Nibali oder sonst jemand sich als bester Fahrer herausstellt, gewinnen sie die Tour nicht, auch nicht mit dem besten Team. Ich habe keine Angst vor Sky.“ BINCKBANK TOUR 2017: 1. Ein starkes Zeitfahren ist die Grundlage, doch Dumoulin gewinnt das Rennen, indem er auf der 6. Etappe im Duo mit Wellens angreift. Ein dritter Platz in Geraardsbergen am letzten Tag reicht ihm, um seine Gesamtführung zu verteidigen. GIRO D’ITALIA 2018: 2. Beißt sich lange an Simon Yates die Zähne aus und verpasst dann seine Chance, als Froomes Langstreckenangriff auf der 19. Etappe Yates in die Knie zwingt. Wird Zweiter, nur 46 Sekunden hinter Froome. TOUR DE FRANCE 2018: 2. Dumoulin ist einer der Stärksten der Tour und gewinnt das abschließende Zeitfahren, muss sich jedoch einem dominanten Geraint Thomas geschlagen geben. Zweite Plätze bei den beiden großen Bergankünften in den Alpen geben ihm Grund zum Optimismus. TIRRENO–ADRIATICO 2019: 4. Noch nicht ganz in Bestform, während er sich auf den Giro 2019 vorbereitet, hat Dumoulin auf der 5. Etappe seinen besten Tag, verliert aber trotzdem eine Minute auf den Sieger Fuglsang. Wird in der Endabrechnung Vierter hinter Roglič. © Dion Kerckhoffs/Cor Vos ( 2017), Getty Images JUNI 2019 | PROCYCLING 35