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Procycling 06.2019

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DAS GROSSE INTERVIEW

DAS GROSSE INTERVIEW KONTRAPUNKT FÜR MICH EINEN DOPPELTEN 2018 war Dumoulin einer von fünf Fahrern, die zwei große Rundfahrten in den Top Ten beendeten. Wie haben sich die Herausforderungen für ein Double verändert? Text Edward Pickering Fotografie Kristof Ramon Um zwei große Rundfahrten in einem Kalenderjahr zu gewinnen, muss ein Fahrer erst einmal eine gewinnen. Deswegen reden nur sehr wenige Fahrer darüber, bei zwei dreiwöchigen Etappenrennen in einer Saison den Sieg anzupeilen. Es hat keinen Sinn, ein Ziel mit einem Auge im Blick zu behalten, das noch zwei Monate hin ist, wenn das gewaltige Hindernis eines unmittelbareren Ziels im Weg steht. Tom Dumoulin, der der hochkarätigste Fahrer ist, der in diesem Jahr sowohl den Giro d’Italia als auch die Tour de France fährt, sagt öffentlich, dass sein Hauptziel der Giro ist, dessen drei Zeitfahren ihm viel besser liegen als das Hochgebirgsterrain, das die Tour in diesem Jahr definiert. Daher trainiert er in erster Linie für den Giro, um in der Form zu sein, ihn zu gewinnen, und erst wenn das Rennen vorbei ist, fängt er an, im Detail an die Tour zu denken. Grand-Tour-Double sind im Radsport schon länger aus der Mode. Ihre große Zeit war von den 1970ern bis in die frühen 1990er, als eine Reihe von Fahrern Siege bei mehreren Rennen erzielten. Eddy Merckx schaffte vier Grand-Tour-Double (siehe Tabelle auf der übernächsten Seite); Bernard Hinault und Miguel Indurain holten drei beziehungsweise zwei. Das häufigste und prestigeträchtigste Doppel waren damals der Giro und die Tour. Die Vuelta war ein Frühjahrsrennen, das noch vor dem Giro stattfand und vor den 1980ern nicht immer drei Wochen lang war. (Die Leistung von Giovanni Battaglin, die Vuelta und den Giro 1981 zu gewinnen, ist aber eine unterbewertete – zwischen den Rennen lagen nur drei Tage und die Vuelta hatte keinen einzigen Ruhetag.) Seit Indurains zweitem Giro-Tour-Double 1993 waren nicht viele erfolgreich – Marco Pantani, Alberto Contador und Chris Froome waren die einzigen Fahrer seitdem, die zwei große Rundfahrten in einem Jahr gewonnen haben. Contador gewann den Giro und die Vuelta 2008, während Froome 2017 bei der Tour und dann bei der Vuelta siegte. Ein Double in der Dekade blieb eine Weile die Trefferquote. Es gibt ein Argument, dass die moderne Trainingstheorie das Grand-Tour-Double getötet hat. Als die Sportwissenschaftler herausfanden, wie Fahrer höhere Formspitzen erreichen können, verringerte sich die Dauer der Formspitze. Um 38 PROCYCLING | JUNI 2019

TOM DUMOULIN DAS NEUE GESICHT DES FRÜHJAHRS Die Renaissance des Giro-Tour- Doubles hat zur ersten wirklichen Veränderung beim Frühjahrs- Formaufbau seit vielen Jahren geführt. Der etablierte Weg zum Toursieg ist eine Reihe von vier oder fünf Frühjahrsrennen, dann die Dauphiné im Juni. Doch den Giro vor der Tour zu fahren, macht das unmöglich. Während der Toursieger 2018, Geraint Thomas, dem traditionellen Weg folgte, fuhren die Männer, die ihn auf dem Podium in Paris flankierten, Tom Dumoulin und Chris Froome, beide den Giro. Froome bestritt die Ruta del Sol (10.), Tirreno (34.) und die Tour of the Alps (4.) vor Giro und Tour. Der Holländer entschied sich für die Abu Dhabi Tour (38.) und Tirreno (DNF) plus ein paar Eintagesrennen. In diesem Jahr setzte Dumoulin auf die UAE Tour (6.) und Tirreno (4.) plus San Remo und Lüttich, womit er auf nur 16 Renntage kam. Das ist nicht viel, aber nicht wesentlich anders als bei seinen Giro-Rivalen Yates, Roglič und Nibali. Bei dieser Vorbereitung bleibt er frisch, und anders als 2018 waren seine frühen Resultate gut. Ist das der richtige Formaufbau für den Giro? Oder will er auch im Juli in Topform sein? konkurrenzfähig zu sein und den Giro gewinnen zu können, wäre es nicht möglich, zu gewinnen, auszuruhen, sich zu erholen und dann rechtzeitig zur Tour wieder in Topform zu kommen. Um für beide Rennen auf gleichem Niveau zu sein, müsste der Fahrer dieses Niveau niedriger ansetzen. Doch die Dinge könnten sich ändern. Froome fährt seit seinem Durchbruch 2011 in den meisten Jahren bei zwei großen Rundfahrten um den Sieg mit. Er hat in den letzten drei Jahren bei zweien auf dem Podium gestanden – sein bevorzugtes Programm war immer, bei der Tour alles aus sich herauszuholen und dann zu sehen, ob er die Vuelta gewinnen kann, und er hat ein paar Anläufe gebraucht, bis er es 2017 schließlich schaffte. 2018 setzte er sich noch höhere Ziele. Die Tour startete eine Woche später als üblich, sodass die Fahrer zusätzliche Zeit hatten, mit der sie arbeiten konnten, und sowohl Froome als auch Dumoulin bekamen es sehr sauber hin, erst den Giro und dann die Tour anzupeilen: Froome gewann den Giro und wurde Dritter der Tour; Dumoulin war Zweiter bei beiden. Obwohl diese beiden die Schlagzeilen beherrschten, waren sie nicht die Einzigen, die im letzten Jahr bei zwei großen Rundfahrten auf Gesamtwertung fuhren. Tatsächlich haben zum ersten Mal seit 2008 fünf verschiedene Fahrer die Top Ten zweier großer Rundfahrten im Kalenderjahr erreicht. Miguel Ángel López war Dritter bei Giro und Vuelta, Steven Kruijswijk Fünfter in 18 Grand-Tour- Doubles in der Historie 10 Fahrer mit einem GT-Double Frankreich und Vierter in Spanien, während Nairo Quintana Zehnter bei der Tour und Achter bei der Vuelta wurde. Simon Yates war nicht weit von einem Grand-Tour-Double entfernt – er trug das Rosa Trikot bis zum drittletzten Tag des Giro und gewann dann die Vuelta. EF-Education-First-Manager Jonathan Vaughters sagt, den Giro und die Tour zu fahren, sei nur dann wirklich hart, wenn man beides zu gewinnen versuche. „Zwei große Rundfahrten zu bestreiten, ist kein Problem. Aber wenn man versucht, konkurrenzfähig zu sein, dann wird es knifflig“, teilt er Procycling mit. „Nur wenn du dieses allerhöchste Niveau brauchst, dieses letzte eine Prozent in den Schlüsselmomenten wie fünf Minuten in Alpe d’Huez. Man kann zwei große Rundfahrten als Helfer bestreiten, vielleicht sogar drei, aber wenn du diesen Knockout-Punch brauchst, ist es schwer.“ Er fügt hinzu: „Damals, als es unpopulär war, zwei große Rundfahrten zu absolvieren, waren wir zwei Jahre – 2008 und 2009 – mit Christian Vande Velde in einem und Bradley Wiggins im nächsten Jahr sowohl beim Giro als auch bei der Tour. Aber sie sind den halben Giro im Gruppetto gefahren. Es war eigentlich sehr effektiv – sie sind beide eine hervorragende Tour gefahren. Wir fuhren zum Giro, gingen auf Etappenjagd und peilten das Mannschaftszeitfahren an, nicht die Gesamtwertung. Dann machten wir Höhentraining. Es war eine sehr effiziente Formel.“ Heute ist ein solcher Weg weniger leicht zu rechtfertigen, erklärt Vaughters, da der Druck der Sponsoren es nicht zulässt, ein Rennen zum Training zu nutzen, aber trotzdem bestreiten viele Fahrer mehrere große Rundfahrten. Die meisten WorldTour-Teams schicken Fahrer aufgrund von bewusster Planung, Notwendigkeit oder Umständen zu mehr als einem. Obwohl die letztjährige Umstellung auf achtköpfige Mannschaften bei den dreiwöchigen Rennen die Zahlen etwas geändert hat, weist die Art, wie die Teams ihre Saison strukturieren, ein Muster auf: Es gibt bei den WorldTour-Teams weniger Überlappung zwischen den Giro- und Tour-Mannschaften als für andere Kombinationen. 2018 sind nur zwölf Fahrer, darunter Froome und Dumoulin, beide Rennen gefahren. Sie gehören zu den beiden größten Zielen der Saison und die Ressourcen müssen entsprechend verteilt werden – es ist sinnvoll, ein „Tour-Aufgebot“ und ein „Giro-Aufgebot“ innerhalb des Indurain im Jahr 1992 auf dem Weg zu seinem ersten von zwei Giro-Tour-Doubles. © Offside Sports Photography JUNI 2019 | PROCYCLING 39