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Procycling 06.2019

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MATHIEU VAN DER POEL ©

MATHIEU VAN DER POEL © Getty Images (oben) auf den Geschmack. „Ich habe festgestellt, dass Straßenradsport die größere internationale Disziplin ist. Es wird für die Leute wirklich leben - dig“, sagte er. Aber nach Amstel stellte er gegenüber Sporza richtig, wo das Fahren im Gelände in seinen Prioritäten steht: „Es macht trotzdem mehr Spaß.“ Wagemutig im Radsport wie im Leben, das fasst diesen jungen Fahrer zusammen. Van der Poel mag keine Pläne; er ist impulsiv, ein Draufgänger. In diesem Jahr hat er seine Cross- und Straßensaison mit einem Skiurlaub in Morzine getrennt. Er fährt eigentlich lieber Motocross, als in die Pedale zu treten. Im letzten Jahr nach der Cross-Weltmeisterschaft in Valkenburg kam sein Vater Adri nach Hause und stellte fest, dass Mathieu nicht da war und „niemand wusste, wo er war“. Es stellte sich heraus, dass sein Sohn nach Finnland geflogen war und Rallyewagen auf zugefrorenen Seen fuhr. Ein Freund hatte angerufen und ihm das vorschlagen, also hatte er die Tasche gepackt und war zum Flughafen gefahren. „Das ist typisch Matje, seinen Eingebungen zu folgen. Deswegen sollte man ihn nicht mit Programmen und Plänen traktieren. Die funktionieren sowieso nicht“, sagte Adri. Auch er hat Benzin im Blut. Vor Kurzem hat er einen neuen Schuppen gebaut, um seine wachsende Sammlung von Sportwagen und Motorrädern unterzubringen. Im Cyclocross ist van der Poel für sein Geschick bekannt. Es gibt zahlreiche Fotos und Videos von seiner wunderbaren Radbeherrschung – wie er Sprünge und Wheelies abzieht und so weiter. Meistens zeigen die Bilder, wie andere Fahrer durch den Schlamm wabbeln, während van der Poel die Kraft und Kontrolle in Person ist. Er scheint ein Mann ohnegleichen zu sein. Als Rennfahrer macht seine Abstammung ihn dazu. Sein Vater holte Siege bei der Flandern- Rundfahrt 1986, Lüttich–Bastogne–Lüttich 1988 und Amstel 1990. In seinen 20 Jahren als Profi gewann Adri zudem eine Reihe von Halbklassikern und zwei Etappen der Tour. Gegen Ende dieser langen Karriere konzentrierte er sich auf den Cross-Sport. Er war sechsmal niederländischer Cyclocross-Meister und einmal Weltmeister – 1996. Adri ist verheiratet mit Corinne, der Tochter von Raymond Poulidor. „Der ewige Zweite“ Poulidor stand zwischen 1962 und 1976 achtmal auf dem Tour-Podium. Corinne und Adri haben zwei Söhne: David, 26, und Mathieu, 24. David ergriff als Erster den Familienberuf, aber Erst auf der Linie ist es vorbei: Beim Amstel legt der junge Niederländer die Aufholjagd des Jahres hin. Als zweifacher Querfeldein-Weltmeister ist van der Poel an widrige Umstände gewöhnt – übrigens auch auf dem MTB. 54 PROCYCLING | JUNI 2019

MATHIEU VAN DER POEL Mathieu erwies sich als der Versierteste. Renaat Schotte, der belgische Journalist, bemerkte einmal, dass die Zähigkeit und das Temperament des jungen Mathieu von seinem bei den Klassikern glänzenden Vater kommen. Die frühere Klassiker-Legende Fabian Cancellara nannte van der Poels Leistung auf der Straße in diesem Frühjahr eine „verrückte Mischung aus Spaß und Coolness, aber ohne Druck“. Auch Adri fand, dass die Performance seines Sohnes mühelos ausgesehen habe. „Die Leichtigkeit, mit der er tritt, habe ich vorher nie gesehen. Von dem Tag an, wo Matje aufs Rad gestiegen ist, war er ein Sieger.“ Doch er fügte hinzu: „Er hat hart dafür gearbeitet. Es ist ihm nicht in den Schoß gefallen.“ Es überrascht vielleicht nicht, dass noch vor diesem Sieg beim Amstel Gold Race die ersten WorldTour-Teams van der Poel „kontaktiert“ hatten. Das war immer so für den Straßenweltmeister der Junioren von 2013, aber jetzt konnte er seinen Preis nennen. Zuvor hatte er Interesse bekundet, für Deceuninck zu fahren – sein Vater ist mit dem Boss des belgischen Teams, Patrick Lefevere, befreundet. Aber fürs Erste bleibt van der Poel bei Corendon-Circus. Philip und Christoph Roodhooft, die Brüder, die das Team managen, haben sich als sehr stabile Bleibe erwiesen. Sie haben bewusst und sorgfältig ein Team auf ihn ausgerichtet, das die Vielseitigkeit hat, Rennen in allen drei Disziplinen zu bestreiten. „DIE LEICHTIGKEIT, MIT DER ER TRITT, HABE ICH VORHER NIE GESEHEN. VON DEM TAG AN, WO MATJE AUFS RAD GESTIEGEN IST, WAR ER EIN SIEGER.“ Van der Poel hat einen Vertrag bis 2023 bei dem Team und will ihn einhalten, während Philip Roodhooft versichert, das nötige Kleingeld zu haben, um das Team entsprechend den Ambitionen seines talentierten Schützlings zu entwickeln. „In drei oder vier Jahren kann Mathieu ein Fahrer sein, der das Grüne Trikot der Tour anstreben kann.“ Vielleicht ist die größte Herausforderung für die Roodhooft-Brüder, mit dem unglaublichen Aufstieg ihres jungen Stars mitzuhalten. Kurzfristiger markierte das Amstel Gold Race das Ende von van der Poels Ausflug auf die Straße. Während der Fokus sich auf die großen Rundfahrten verlagert, soll er ein volles Programm von Mountainbike-Weltcups fahren. Der niederländische Nationaltrainer möchte van der Poel für die Straßen-Weltmeisterschaft in Yorkshire. „Es ist ein Kurs, der ihm perfekt liegt“, sagt er. Ob VdP ihm den Wunsch erfüllt, ist eine andere Frage. Eine wichtige Lektion, die Mathieu van der Poel bereits gelernt hat, ist, ihnen nicht alles auf einmal zu geben. © Kramon JUNI 2019 | PROCYCLING 55