Aufrufe
vor 9 Monaten

Procycling 06.2019

  • Text
  • Procycling
  • Etappe
  • Rennen
  • Juni
  • Fahrer
  • Giro
  • Dumoulin
  • Poel
  • Sieg
  • Juli

JIM RATCLIFFE © Getty

JIM RATCLIFFE © Getty Images Anlage im belgischen Antwerpen zu kaufen, deren Übernahme er selbst nur drei Jahre zuvor abgewickelt hatte. „Ich fing mit dem Geschäft an in Zeiten, wo man seinen gesamten weltlichen Besitz auf den Tisch legen musste“, sagte er zwei Jahrzehnte später. „Ich musste 100 Prozent von dem Eigenkapital einsetzen, das ich damals hatte. Das waren das Haus, die Ersparnisse und sogar Ehefrau und Kinder, da passt man sehr gut auf.“ Ineos, wovon Ratcliffe 60 Prozent besitzt, ist heute riesig und hat rund 20.000 Angestellte und fast 200 Niederlassungen in 23 Ländern. Noch kein bekannter Name, stellt es Rohstoffe für alles, von Hygieneartikeln über Telefone bis Möbel, her. Der größte Schritt war der Erwerb der BP- Petrochemie-Tochter Innovene für fünf Milliarden Pfund vor 14 Jahren. Der Kauf beinhaltete die umstrittene Raffinerie in Grangemouth, Schauplatz seines Kampfes mit den Gewerkschaften, bei dem er drohte, die Anlage zu schließen. Die Kritik, der er damals ausgesetzt war, war heftig, und der Streit entwickelte sich zum Politikum. Im Rückblick auf diese Zeit sagte er: „Ich habe ein dickes Fell und kann damit leben, aber es ist kein angemessenes Verhalten. Wenn ich einen Scheck über 300 Millionen Pfund ausstellen muss, ist das nicht sehr klug von Gewerkschaften.“ Ratcliffe ist auch ein Befürworter von Fracking und will Hunderte Millionen in die umstrittene Methode zur Gewinnung von Schiefergas investieren, bei der die Erde aufgebohrt und Gestein hydraulisch geknackt wird. Neben der Petrochemie-Branche ist er auch auf anderen Unternehmensfeldern tätig: Er entwickelt gerade einen Geländewagen, der den nicht mehr produzierten Land Rover Defender ersetzen soll, außerdem gehört ihm die britische Modemarke Belstaff; dazu besitzt er das Lime Wood Hotel im Thomas und Froome, Skys jüngste Toursieger, werden das Team Ineos anführen. RATCLIFFE, DER MARATHON- MANN Ratcliffe geht gerne an seine körperlichen Grenzen. Als er vor wenigen Jahren mit seinem Bruder den New York Marathon lief, kamen sie mit nur zehn Minuten Abstand ins Ziel, doch Jim musste an den Tropf gehängt werden, um sich zu erholen. Ein Motorradtrip nach Südafrika schien vorzeitig beendet, als ihm das Motorrad auf den Fuß fiel und er sich drei Knochen brach. Aber statt nach Hause zu fliegen, ließ er sich einen Skistiefel liefern und setzte die Reise fort. Sein Mantra ist, dass ein bisschen Adrenalin jeden Tag gut für uns sei, ob es die Stunden sind, die er jeden Morgen im Fitnessstudio verbringt oder mit ande ­ ren Sportarten wie Radfahren, Ironman oder Kitesurfen, das er gerade lernt. Er war mit seinen Söhnen aus erster Ehe am Nordpol und Südpol und feierte seinen 60. Geburtstag, indem er den Comrades Marathon in Südafrika lief. Es war viel die Rede von seinen zwei Superyachten, vor allem die Hampshire II mit Helikopterdeck und Seilbrücke, die als „schwimmender Palast“ bezeich ­ net wurde und einer Zeitung zufolge 500 Liter Diesel die Stunde braucht, nur um zu liegen. 66 PROCYCLING | JUNI 2019

südenglischen Hampshire, und er hält obendrein Anteile an der „The Pig“-Hotelkette. Seine Geschäftsphilosophie ist einfach: „Wir schauten uns Geschäfte an, die unmodern oder unsexy waren, Einrichtungen, die großen Unternehmen gehörten, wo man wusste, dass sie bei den Festkosten nicht so genau hinsehen. Wir führten sie besser, reduzierten die Kosten, kurbelten das Geschäft an und am Ende waren sie sehr profitabel.“ Wie Brailsford will er das Potenzial jenseits des Radsports anzapfen, der Teamboss hat kein Geheimnis daraus gemacht, dass er in Zukunft „smarte“ Sportbekleidung herausbringen will, nachdem er ein paar Mal ins Silicon Valley gereist ist. Sie sind zwei Ritter des Reiches, die in vielen Quartieren kritisiert wurden, sich aber als natürliche Geschäfts- und Sportpartner erweisen könnten. Nach Ratcliffes Entscheidung, den Geschäftssitz nach Monaco zu verlegen und geschätzte 400 Millionen bis vier Milliarden Pfund Steuern zu sparen, hat der scheidende Vorsitzende der britischen Liberaldemokraten, Sir Vince Cable, gesagt: „Leute in den Ritterstand zu erheben, die sich diesem Land nicht verpflichtet fühlen, ist eine Schande.“ Ratcliffe für seinen Teil behauptet, sehr pro-britisch zu sein; er sei ein glühender Brexiteer, der die Europäische Union ablehne. Er vertritt gerne die These, dass „die Briten die Produktion erfunden haben“. Mit 21 Milliarden Pfund auf der Bank könnten die Radsport- und Segelabenteuer wie Spielzeuge wirken, aber wie ein Wirtschaftsjournalist schrieb, ging es ihm selten um das Geld. „Er ist mehr besessen von der Macht, das Geld ist nur eine Folge“, sagte er. Sich in das einzukaufen, was das „Best of British“ des Sports ist – Ainslies America’s Cup-Team und jetzt das Team Sky –, ist ein neues Machtspiel des zurückgezogenen Milliardärs. Was für eine Art Eigentümer er sein wird, bleibt abzuwarten, aber er hat sich schon eingebracht, indem er das Trikot mitgestaltet hat – was nahelegt, dass das Team mehr als ein reines Spielzeug ist. URLAUBSFINDER MIT BISS www.roadbike-holidays.com #myRoadbikeMoment Ineos hat mit seinen Aktivitäten die Wut von Umweltschützern auf sich gezogen. © Getty Images © makeART OG