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Procycling 07.2019

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PROLOG AUS DEM HERZEN

PROLOG AUS DEM HERZEN DES PELOTONS ALLES WIEDER OFFEN Chris Froome stürzt bei der Dauphiné. © Tim De Waele/Getty Images Was wurde im Vorfeld der Tour de France nicht alles über das neue Team Ineos und deren Führungsduo Geraint Thomas und Chris Froome diskutiert. Dem aktuellen Sieger Thomas und dem viermaligen Toursieger Froome wurden Fragen über die Kapitänsrolle in Frankreich, über die Rolle ihres endschnellen Kollegen Egan Bernal und vieles mehr gestellt. Natürlich haben auch wir uns mit Froomey zum Interview zusammengesetzt und ihm und seiner Zuversicht gelauscht: „Ich denke, ich bin da, wo ich sein muss. Jedes Jahr ist anders und ich schätze, es hängt einfach davon ab, wo meine Prioritäten liegen. Dieses Jahr ging es nur darum, sich auf die Tour vorzubereiten, und den Giro auszulassen gab mir eine zusätzliche Atempause.“ Doch dann kam alles anders. Bei der Besichtigung der Zeitfahrstrecke des Criteriums du Dauphiné stürzte Chris Froome so schwer, dass eine Teilnahme an der Tour definitiv ausgeschlossen werden muss. Froome erlitt mehrere Brüche, unter anderem des Oberschenkels, des Knies und mehrerer Rippen, und wurde direkt nach seinem Unfall im Krankenhaus von St. Etienne operiert. Dan Martin von UAE Team Emirates war an diesem Tag ebenfalls auf Streckenbesichtigung und erlebte Froomes Crash direkt mit. Der Ire war nur 20 Meter hinter dem Froome folgenden In- eos-Teamfahrzeug unterwegs und schilderte Cyclingnews die Ereignisse des Tages. „Ich sehe es immer noch vor mir. Es ist fürchterlich, so etwas mitzuerleben“, sagt Martin. „Ich und Neil [Stephens] holten sie kurz vor der Spitze des Anstieges ein, und wir wollten sie nicht bei ihrer Besichtigung stören, also blieben wir hinter ihnen. Dann passierte es.“ Bekannt ist, dass Froome eine Hand vom Aerolenker nahm, um sich die Nase zu putzen. Dabei erwischte ihn eine starke Windböe, worauf er die Kontrolle über seine Zeitfahrmaschine verlor und mit über 50 Stundenkilometern in eine Mauer krachte. Nach der Erstversorgung im Kranken- 14 PROCYCLING | JULI 2019

Chris Froome zwei Tage vor seinem Sturz auf der zweiten Etappe der Dauphiné. Im Krankenhaus von St. Etienne wurde der schwer verletzte viermalige Toursieger lange operiert. haus von Roanne wurde er mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus von St. Etienne geflo gen und sofort einer mehrstündigen Operation unterzogen. Martin erzählt weiter, immer noch geschockt von dem Geschehenen. „Wir stoppten. Neil und ich schauten uns fassungslos und schweigend an und standen etwa 20 Sekunden einfach nur zitternd da. Ich blieb beim Teamfahrzeug und wir fragten, ob wir irgendwie helfen könnten, aber ich denke, es hätte noch viel schlimmer kommen können. Ich denke, er hätte auch sterben können. So etwas zu sehen ist schlimm.“ Auch das direkte Unfallgeschehen schildert Martin aus seiner Sicht. „Er putzte sich die Nase, der Wind erfasste ihn und dann geriet er vor dem Teamwagen ins Schwanken. Wir sahen nicht, was passierte, aber wir sahen ihn in die Mauer einschlagen. Er hatte keine Chance, seine Geschwindigkeit zu verringern.“ Martin ergänzt noch, dass dieser Unfall jedem anderen Fahrer ebenso hätte passieren können. Nachdem der Verlust von Froome für die Tour Ineos zunächst aus dem Takt gebracht hatte, begann direkt im Anschluss in den Medien wieder eine Diskussion um die Kapitänsrolle – diesmal zwischen Thomas und Bernal. Ineos’ Sportlicher Leiter Servais Knaven spielte diese im Vorlauf der Tour de Suisse jedoch herunter. „Wir haben diesbezüglich noch keine finale Entscheidung getroffen. Der stärkste Fahrer der Vergangenheit fehlt uns dieses Jahr. Wir haben Egan und wir haben Geraint, und sie sind beide bereit für die Tour de Suisse. Wir werden sehen, wo sie stehen.“ Der 22-jährige Bernal beeindruckte mit seiner Leistung bei seinem Tour- Debüt im letzten Jahr, als er wechselnd Froome und Thomas unterstützte. Doch nach seinem Schlüsselbeinbruch, den er sich im Training vor dem Giro zugezogen hatte, muss er seine Form erst wieder unter Beweis stellen. Dazu sagt Knaven: „Er fuhr eine wirklich gute Tour letztes Jahr und überraschte alle mit seiner guten Leistung in den Bergen, aber dieses Jahr ist ein neues Jahr und er hatte etwas Pech und musste deshalb seine Ziele neu setzen.“ Derweil geht die Dauphine auch ohne Froome weiter. Das Zeitfahren der 4. Etappe, bei deren Besichtigung Chris Froome gestürzt war, gewann der ehemalige Cyclocross-Weltmeister Wout Van Aert von Jumbo–Visma vor Tejay van Garderen (EF Education First) und Tom Dumoulin (Sun - web). Zur Überraschung vieler holte sich Van Aert am darauffolgenden Tag außerdem den Sieg auf der 5. Etappe, indem er Sam Bennett im Sprint hinter sich ließ. Während der Profizirkus weiterläuft, hat Chris Froome nun eine längere Genesungspause vor sich. Procycling wünscht ihm gute Besserung und dass er wieder zu seiner alten Stärke zurückfinden möge. Vielleicht können wir dem Briten dann im nächsten Jahr bei seinem fünften Tourerfolg zusehen. Während unseres Interviews war Chris Froome noch optimistisch, die Tour dieses Jahr wieder zu gewinnen. © Ian Walton, Pierre Teyssot/Getty Images (Krankenhaus) JULI 2019 | PROCYCLING 15