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Procycling 07.2019

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L E TO U R 20 19 DIE

L E TO U R 20 19 DIE DEUTSCHEN ANDRÉ GREIPEL 36 JAHRE, TEAM ARKÉA-SAMSIC © Justin Setterfield/Getty Imgaes Die Abschlussetappe der Tour de France 2016 wird André Greipel immer in Erinnerung behalten. Mit einem kraftvollen Antritt auf den letzten 250 Metern holte sich der Rostocker damals den prestigeträchtigen Etappenerfolg auf der letzten Etappe auf der Champs-Élysées. Es war der goldene Abschluss einer für Greipel nicht einfachen Tour de France, bei der er lange nicht in Fahrt gekommen war. Zugleich war es sein elfter und bis dato letzter Tageserfolg in Frankreich. Eine beeindruckende Bilanz, die den „Gorilla“, wie der Rostocker wegen seiner muskulösen Oberschenkel genannt wird, nicht umsonst zu einem der erfolgreichsten Sprinter im Peloton macht. Davon zeugt auch seine weitere Erfolgsliste: Neben den elf Tagessiegen bei der Tour hat Greipel auch sieben Etappenerfolge beim Giro d’Italia und vier bei der Vuelta a España in seinem Palmarès stehen. Zwischen 2011 und 2016 gelang ihm sogar das Kunststück, bei sechs aufeinanderfolgenden Großen Schleifen mindestens ein Teilstück für sich zu entscheiden – eine Serie, die kein anderer diesjähriger Tour-Starter vorzuweisen hat. In den vergangenen beiden Jahren wurde es allerdings ruhiger um den Sprintspezialisten. Greipel, der während der Tour seinen 37. Geburtstag feiern wird, nähert sich dem Herbst seiner Karriere. Es kam für viele Beobachter daher überraschend, dass er sich im Winter noch einmal dazu entschied, sich eine neue Herausforderung zu suchen: Nach acht Jahren bei der belgischen Lotto-Equipe schloss er sich dem französischen Zweitdivisionär Arkéa-Samsic an. Ein Wechsel, der sich zumindest zu Saisonbeginn bezahlt zu machen schien: Beim exotischen Saisonauftakt La Tropicale Amissa Bongo Ondimba im afrikanischen Land Gabun gewann er die sechste Etappe – danach blieben die Erfolge allerdings aus. „Es stimmt: Das Frühjahr war alles andere als erfolgreich. Ich fühle mich in der neuen Mannschaft sehr wohl, wir brauchen allerdings noch etwas, um uns auf die Sprints einzustellen. Aber aufgeben ist für mich keine Option. Deshalb will ich in den kommenden Wochen positiv denken – auch im Hinblick auf die Tour. Und dort gibt es dann genug Chancen, um bei dem ein oder anderen Sprint dabei zu sein“, so Greipel, der sich über die Etappenrennen Vier Tage von Dünkirchen, Norwegen-Rundfahrt und Critérium du Dauphiné auf die Frankreich-Rundfahrt vorbereitet hat. Aufgrund des schwierigen Saisonstarts gilt er in diesem Jahr deshalb trotz seiner beeindruckenden Erfolge in der Vergangenheit nicht als absoluter Topfavorit auf einen Tageserfolg. Angesprochen auf seine Ziele, dämpft auch er selbst die Erwartungen: „Mit Sicherheit wäre es schön, wieder eine Etappe zu gewinnen. Im Moment gehe ich aber davon aus, dass es eher mehrere gute Tagesplatzierungen werden. Auch wenn ich es nicht mehr schaffen sollte zu gewinnen: Zu beweisen habe ich in jedem Fall niemandem mehr etwas“, sagt er. Damit gehört Greipel – zum ersten Mal seit seinem Tour-Debüt 2011 überhaupt – nicht zum erlesenen Kreis der Topfavoriten auf Sprintsiege. Eine Tatsache, die für ihn zum Vorteil werden könnte: Denn in den vergangenen Jahren hat Greipel immer wieder gezeigt, dass er als Fahrer mit offensivem Fahrstil auch aus Fluchtgruppen heraus gewinnen kann – eine Option, die für ihn bisher als absolutem Topfavoriten kaum möglich war. „Das ist durchaus eine Idee, die ich habe“, gibt er zu. Abschreiben sollte man den „Gorilla“ in jedem Fall auch mit 37 Jahren noch nicht. Und wer weiß: Vielleicht schafft Greipel seinen nächsten Tour-Etappensieg ausgerechnet auf der Champs-Élysées – dem Ort, wo er seinen bis dato elften und letzten Etappensieg bei der Frankreich- Rundfahrt feiern konnte. André Greipel tritt seit dieser Saison für die französische Mannschaft Arkéa-Samsic in die Pedale. Noch konnte er allerdings nicht an die Erfolge aus den Vorjahren anknüpfen. PROGNOSE Greipel und sein französisches Team befinden sich noch in der Findungsphase. Sollte der Sprintzug allerdings in Fahrt kommen, kann der „Gorilla“ noch einmal zuschlagen – vielleicht sogar auf der Schlussetappe in Paris. DEUTSCHE ETAPPENSIEGE BEI DER TOUR 2013–2018 2018 1 (Degenkolb) 2017 5 (Kittel) 2016 2 (Kittel / Greipel) 2015 6 (Greipel 4 / Martin 1 / Geschke 1) 2014 7 (Kittel 4 / Martin 2 / Greipel 1) 2013 6 (Kittel 4 / Martin 1 / Greipel 1) 2012 3 (Greipel) 2011 2 (Greipel 1 / Martin 1) 52 PROCYCLING | JULI 2019

L E TO U R 20 19 DIE DEUTSCHEN TONY MARTIN 34 JAHRE, TEAM JUMBO–VISMA Seit einem halben Jahr steht der siebenfache Zeitfahrweltmeister in den Diensten der niederländischen Equipe Jumbo–Visma und unterstützt dort Kapitäne wie Steven Kruijswijk oder Dylan Groenewegen. Die Rolle als Edelhelfer scheint ihm zu gefallen – er wird sie auch bei der Tour ausfüllen. Tony, wie hast du dich bei Jumbo–Visma eingelebt? Sehr gut. Alles, was ich mir von meiner neuen Mannschaft erhofft und gewünscht habe, ist eingetreten – teilweise sogar über meine Erwartungen hinaus. Und das sportlich wie menschlich. Wie sieht es mit eigenen Ambitionen aus? Nebenbei versuche ich natürlich, mich in den Einzelzeitfahren weiterzuentwickeln. Die Ergebnisse sind erst mal okay, ich kann mich wieder im vorderen Feld behaupten, aber ich denke, das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Ich habe einen neuen Teamtrainer, mit dem wir schon sehr erfolgreich arbeiten, aber der Prozess ist sicherlich noch nicht abgeschlossen. Ein Wort zu Dylan Groenewegen, der bislang auch schon acht Einzelsiege in dieser Saison feiern konnte. Du bist in deiner Karriere mit einigen guten Sprintern gefahren – was ist an ihm besonders? Ich glaube, er ist der ruhigste Sprinter, mit dem ich je gearbeitet habe. Dylan ist total entspannt, stellt wenig Forderungen und verlässt sich voll und ganz auf seine Jungs. Trotzdem ist er ein sehr dankbarer Kapitän – und natürlich ein extrem starker. Das ist richtig. An persönlichen Zielen steht vor allem das Mannschaftszeitfahren ganz oben auf meiner Liste. Dort werden wir sicherlich mit einem sehr starken Team am Start stehen und vielleicht sogar um den Etappensieg mitfahren. Es geht auch darum, den GC-Fahrern eine bestmögliche Ausgangsposition zu verschaffen. Ansonsten habe ich natürlich das Einzelzeitfahren im Auge [13. Etappe in Pau, 27,2 Kilometer]. Das soll vom Profil her gar nicht so schlecht sein, was meinen Fahrertyp angeht. Aber wenn ich mich bis dato schon für die Sprinter und die Bergfahrer zerreißen musste, dann weiß ich nicht, wie viel Power zu dem Zeitpunkt noch da sein wird. Ich lasse das komplett auf mich zukommen. In erster Linie bin ich absolut motiviert, für Dylan und die anderen zu arbeiten. Vor der Tour stehen aber noch die Deutschen Meisterschaften an, wo du deinen Titel im Einzelzeitfahren verteidigen willst. Natürlich. Sicherlich wird die Konkurrenz von Jahr zu Jahr stärker – mit Maximilian Schachmann, Nils Politt oder Jasha Sütterlin. Es ist nicht mehr so wie vor ein paar Jahren, wo ich sagen konnte: Werden es heute ein oder zwei Minuten Vorsprung? Aber das ist gut, da stehe ich mit einem ganz anderen Kampfgeist am Start. Und mit der richtigen Motivation macht es auch ein bisschen mehr Spaß. PROGNOSE Im Gegensatz zu den Vorjahren gilt Martin nicht mehr als sicherer Tipp auf einen Tageserfolg. Die größten Chancen auf ein Podium dürfte er beim Teamzeitfahren am zweiten Tag mit seiner Mannschaft oder aus einer Fluchtgruppe heraus besitzen. Bei der Tour wollt ihr mit Dylan im Sprint erfolgreich sein und dazu in der Gesamtwertung angreifen. Kein leichtes Unterfangen. Das ist natürlich eine Herausforderung, bietet aber auch gewisse Chancen. Man kann jetzt nicht mehr nur in den Sprintetappen auf Ergebnis fahren, sondern auch in den Bergen. Aber klar: Wenn wir mit acht Mann zwei große Ziele verfolgen, müssen wir uns schon ein bisschen zerteilen und teilweise vielleicht auch auf andere Mannschaften vertrauen. Aber das hat ja letztes Jahr schon sehr gut geklappt. Ich hoffe, dass ich die nötige Pferdestärke ins Team bringe und es zweigleisig unterstützen kann. Für mich wird es ein Novum sein. Es ist das erste Mal, dass ich mit einem Team am Start stehe, das ums Podium mitfährt. Somit wird für eigene Erfolge wenig übrigbleiben … Tony Martin wird bei seiner Mannschaft Jumbo–Visma vor allem als Helfer agieren. © Tim De Waele/Getty Imgaes JULI 2019 | PROCYCLING 53