Aufrufe
vor 8 Monaten

Procycling 07.2019

  • Text
  • Strassenradsport
  • Rennrad
  • Tdf
  • Tourdefrance
  • France
  • Etappen
  • Froome
  • Quintana
  • Giro
  • Procycling
  • Fahrer
  • Rennen

L E TO U R 20 19 DIE

L E TO U R 20 19 DIE DEUTSCHEN NILS POLITT 25 JAHRE, TEAM KATUSHA ALPECIN Mit dem zweiten Platz bei Paris–Roubaix fuhr der Kölner im April den größten Erfolg seiner Karriere ein – und wird seitdem von der Konkurrenz nicht mehr aus dem Auge gelassen. Trotzdem hat er sich für die Tour einiges vorgenommen. Im Finale von Paris– Roubaix sah Nils Politt lange wie der Sieger aus. Am Ende musste er sich im Sprint Philippe Gilbert (rechts) geschlagen geben. Nils, spätestens in diesem Frühjahr bist du zu einer Größe im deutschen Radsport herangewachsen. Bei der Flandern-Rundfahrt wurdest du Fünfter, bei Paris–Roubaix kam nur Philippe Gilbert vor dir ins Ziel. Warst du überrascht von deinen Erfolgen bei den Klassikern? Ich habe eigentlich gedacht, dass man das vergangene Frühjahr kaum toppen kann, aber ich habe es doch noch mal geschafft. Das macht mich natürlich stolz. Da sehe ich einfach, dass sich die Arbeit im Winter ausgezahlt hat. So macht es natürlich Spaß zu arbeiten. Wie lange hast du gebraucht, um zu realisieren, dass vor allem dein Abschneiden bei Paris–Roubaix ein großer Karriereschritt gewesen ist? Wenn ich ehrlich bin, habe ich noch immer nicht richtig realisiert, was mir da gelungen ist. Klar, ich habe den kleinen Pflasterstein im Wohnzimmer stehen und gucke da jeden Tag drauf, aber das kommt bei mir immer erst am Ende des Jahres, wenn die Saison abgeschlossen ist und man ein Fazit zieht. Erst dann wird klar, was einem da gelungen ist. Ich habe vor Kurzem erfahren, dass nur zwei Deutsche bei Paris–Roubaix bislang besser waren und ich damit auf Platz drei stehe. So etwas ist natürlich schön zu hören. Allerdings merke ich es schon an der Nachfrage der Medien, das ist mehr geworden. Auch unter den Fans, gerade zuletzt bei Rund um Köln, wird jetzt deutlich mehr über mich gesprochen. © Anne-Christine Poujoulat/Getty Imgaes Bei deinem Heimrennen hast du das Podium Anfang Juni knapp verpasst und wurdest Vierter. Das war natürlich ärgerlich. Ich war dort nicht in der Situation, wo ich mit den anderen spielen konnte, im Gegenteil, die anderen haben mit mir gespielt. Ich war zum Schluss in einer Gruppe vertreten, in der drei Teams jeweils zwei Fahrer hatten. So wurde es natürlich ein bisschen schwierig. Die haben sich gegenseitig attackiert und wollten nicht mit mir auf die Zielgerade kommen. So musste ich den Sprint um Platz 3 früh eröffnen und quasi von vorne fahren. Leider hat es nicht gereicht. Aber es war trotzdem ein schönes Rennen, und es macht immer wieder Spaß. Auch die Fahrer wissen, was in Roubaix geschehen ist, und haben dich seitdem im Blick. Das ist der Nachteil, wenn man so erfolgreich geworden ist. Auf jeden Fall. Man fährt nicht mehr so einfach weg. Das muss man sich hart erarbeiten. Viele Leute haben jetzt ein Auge auf mich. Aber damit muss ich leben. Trotzdem klappt es ja hin und wieder. Wie sieht es denn beim Team aus? Mit Marcel Kittel hat euch der Starsprinter überraschend verlassen, dafür konnten Rick Zabel bei der Tour of Yorskhire und Ilnur Sakarin beim Giro Tageserfolge für Katusha-Alpecin einfahren. 56 PROCYCLING | JULI 2019

L E TO U R 20 19 DIE DEUTSCHEN Wir haben bisher drei Siege. Das ist natürlich nicht das, was wir wollten. Aber es ist auch schwer ohne einen richtigen Sprinter. Die fahren bei anderen Teams regelmäßig Erfolge ein – wie Sam Bennett, Peter Sagan und Pascal Ackermann bei Bora oder die Jungs von Quick-Step. Das ist bei uns nicht der Fall. Trotzdem denke ich, dass wir uns dieses Jahr bisher gut präsentieren, gerade auch bei den Klassikern. Obwohl wir da als Außenseiter-Mannschaft an den Start gegangen sind, konnte bei jedem Rennen einer von uns in die Top Ten fahren. Auch der Etappensieg von Ilnur beim Giro und sein zehnter Platz in der Gesamtwertung zeigen einen positiven Trend, vor allem im Gegensatz zum letzten Jahr. Mit welchem Konzept fahrt ihr zur Tour de France? Rick hat in Yorkshire einen Sprint gewonnen, aber in Frankreich wird die Konkurrenz stärker sein. Habt ihr euch da schon was überlegt? Jein. Wir haben ja nun keinen richtigen Sprinter mehr, und für Rick wird es schwer, sich bei der Tour gegen die großen Sprinter durchzusetzen. Neben ihm steht noch Jens Debusschere auf der Tour-Liste, der auch nicht gerade langsam ist. Wir müssen einfach schauen und dann das Bestmögliche herausholen. Am Ende muss das Team entscheiden, wer den Sprint fährt. Wahrscheinlich wird tagesabhängig geswitcht. Aber ich denke, wir sollten uns eher auf Ausreißergruppen konzentrieren. Stichwort Ausreißer. Wie wird deine Rolle aussehen? Flucht nach vorne? Das auf jeden Fall. Ich habe mir die Tour-de- France-Etappen noch gar nicht angeschaut, weiß aber, dass zwei, drei wellige Abschnitte dabei sind. Da werde ich natürlich mein Glück versuchen – entweder in der Ausreißergruppe oder im Sprint aus dem dezimierten Feld heraus. Das kann ich ja auch ganz gut. Was ist dein Ziel bei der Tour, was das des Teams? Ich denke, das Ziel des Teams sollte auf jeden Fall sein, eine Etappe zu gewinnen. Persönlich habe ich mir noch gar kein genaues Ziel gesetzt. Natürlich will ich um Etappensiege mitkämpfen, zumindest einmal. Ansonsten werde ich einfach schauen, was so kommt. Nach deinen Erfolgen bei den Pavé-Klassikern im Frühjahr müsstest du traurig sein, dass es 2019 keine Kopfsteinpflaster-Etappe bei der Tour gibt. Leider ja. Das wäre schön gewesen. DIE WEITEREN DEUTSCHEN Helfer und Überraschungskandidaten Neben den genannten Fahrern werden bei der 106. Tour de France zahlreiche weitere deutsche Profis am Start er - wartet. Die meisten von ihnen sind allerdings keine Siegfahrer, sondern Athleten, die im Hintergrund ihre Arbeit verrichten: Flaschen holen, ihre Kapi - täne aus dem Wind halten, Sprints oder Bergattacken vorbereiten. Einer, der in diesem Metier seit Jahren zu den Welt - besten zählt, ist beispielsweise Marcus Burghardt: Der 35-jährige Zschopauer im Trikot von Bora–hansgrohe bestreitet bereits seine elfte Frankreich-Rundfahrt und konnte 2008 sogar selbst eine Etappe gewinnen. Ebenfalls als Helfer eingesetzt wird Rick Zabel. Der 25-Jäh - ri ge gilt allerdings auch als Option für Ausreißergruppen bei Katusha-Alpecin. Selbige Rolle erfüllt zudem Nikias Arndt (27 Jahre) beim Team Sunweb, der an guten Tagen ebenfalls einen Tageserfolg einfahren kann. Einer, der das schon geschafft hat, ist Simon Geschke: Der 33-jährige Berliner vom CCC Team konnte 2015 als Ausreißer einen Tages - erfolg verbuchen. 2019 blickt er bis dato aber auf eine sehr unglückliche Saison zurück: Beim Saisondebüt bei der Murcia-Rundfahrt brach er sich den rechten Ellenbogen. Beim Comeback bei der Katalonien-Rundfahrt fünf Wochen später stürzte er erneut und brach sich das rechte Schlüsselbein und mehrere Rippen. Sein Comeback feierte er erst bei Kalifornien-Rundfahrt Mitte Mai – und wurde prompt Etappendritter. PROGNOSE Politt wird man oft im Fernsehen zu sehen bekommen, denn er wird alles versuchen, um regelmäßig in Fluchtgruppen vertreten zu sein. Ein Etappensieg ist deshalb absolut realistisch. JULI 2019 | PROCYCLING 57