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Procycling 07.2019

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L E TO U R 20 19 DIE

L E TO U R 20 19 DIE FAVORITEN NAIRO QUINTANA aus der Mannschaft für 2019 genommen wurde, war eine weitere Veränderung, die dem Kolumbianer Berichten zufolge nicht gefiel. Derweil war das Unvermögen von Movistar, den Allrounder Jonathan Castroviejo zu behalten – einer der wenigen Teamkollegen, dem Quintana nahestand, der aber letztes Jahr zu Sky wechselte –, ein weiterer Schlag. Ein extrovertierterer Fahrer hätte versuchen können, sich in seinem Team durch ein paar gut getimte Botschaften in den Medien in eine bessere Position zu manövrieren. Aber stattdessen hielt Quintana sich bedeckt, wie so oft. Zu Hause in Kolumbien fallen die interne Politik von Movistar und Quintanas mangelnde Angriffslust bei den Rennen kaum auf, so groß sind Quintanas Popularität und sein Ansehen. Ob er bei der Tour von Movi stars Co-Kapitänen umgeben ist oder alleine um den sueño amarillo kämpft, ob er defensiv oder aggressiv fährt, Quintana ist dort weiterhin der größte Favorit für den Toursieg. Er ist ein Idol für die kolumbianische Öffentlichkeit im Allgemeinen. „Rigoberto Urán hat Kolumbien das Gesamtklassement der Tour wieder schmackhaft gemacht und er hat eher eine Rockstar-Aura, die ihn umgibt“, sagt Movistar-Fahrer Winner Anacona zu Procycling. „Aber ich glaube, wenn die spanischen Jungs in unserem Team hierher kommen, um die Colombia Tour zu fahren, werden sie wirklich überrascht sein, was Nairo den normalen Leuten bedeutet, was für ein Star er in Wirklichkeit ist.“ „Nairo ist eine öffentliche Person“, schrieb der Journalist Manuel Martínez in diesem Jahr in L’Equipe. „Er ist wie die Fußballspieler Falcao oder James Rodríguez oder der Popsänger Carlos Vives – er hat sogar seine eigene Statue auf dem zentralen Platz in Cómbita, dem Ort seiner Eltern. Und er macht sich für gesellschaftliche Belange stark.“ Martínez erwähnt, dass im Februar, als eine Autobombe vor einer Polizeistation in Bogotá explodierte und 20 Menschen tötete, Quintana an dem Trauer- und Protestzug gegen Gewalt teilnahm. Aber diejenigen, die ihn gut kennen, sind überzeugt, dass ihn dieses soziale Engagement weder ablenkt noch seine Leistung beeinträchtigt. „Er arbeitet unglaublich hart“, bescheinigt ihm Chaves. „Er ist nicht nur ein Naturtalent“, so Anacona, „sondern hat sich seinen Platz im Sport verdient. DIE RUNDFAHRT-RESULTATE VON MOVISTARS KAPITÄNEN NAIRO QUINTANA 5 16 4 GRAND-TOUR- ETAPPENSIEGE TOUR- ERGEBNISSE 2013: 2., 2015: 2., 2016: 3., 2017: 12., 2018: 10. ALEJANDRO VALVERDE GRAND-TOUR- ETAPPENSIEGE TOUR- ERGEBNISSE 2005, 2006: DNF, 2007: 5., 2008: 8., 2012: 20., 2013: 8., 2014: 4., 2015: 3., 2016: 6., 2017: DNF, 2018: 14. MIKEL LANDA GRAND-TOUR- ETAPPENSIEGE 2 2 1 1 4 11 3 0 1 GIRO TOUR VUELTA GIRO TOUR VUELTA GIRO TOUR VUELTA TOUR- ERGEBNISSE 2016: 35., 2017: 4., 2018: 7. Ich bin als Amateur nie gegen ihn gefahren, aber ich erinnere mich an ihn von einem Eintagesrennen, der Clásica de Tunja, die verschiedene Rennen für alle Kategorien – U23, Junioren und so weiter – am selben Tag hat. Er war nicht der Beste, aber selbst wir Senioren konnten sehen, dass Nairo es draufhatte und entschlossen war, Erfolg zu haben.“ Er fügt hinzu: „Als er Zweiter der Tour 2013 wurde, war es eine Überraschung, aber keine so große Überraschung. Für mich war es eher eine Bestätigung dessen, was er im Vorjahr geleistet hatte und was er schon immer war.“ Auf der anderen Seite sorgen diese Popularität und diese hohe Erwartung in Kombination mit diesem frühen Erfolg für einen enormen zusätzlichen Druck. Es war fast so, als wäre Quintana verpflichtet, das Gelbe Trikot in Paris zu tragen. „Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass die Tour eine Obsession für ihn ist, aber es ist eine Art Notwendigkeit. Er hat dem Peloton und dem Rest des Feldes sowie Kolumbien im Allgemeinen schon gezeigt, dass er es kann. Er kann die Tour gewinnen“, sagt Barbosa. Wie in letzter Sekunde und vielleicht aufgrund des Gefühls, von einer jüngeren Generation verdrängt zu werden, hat sich Quintanas Rennstrategie in diesem Jahr verändert. Paris–Nizza, wo er Zweiter wurde, war ein Hinweis darauf; sein Trainerwechsel zu dem Ita liener Michele Bartoli gilt als weiterer. Ebenso wie die zunehmende Zeit, die Quintana in Kolumbien verbringt, wie Barbosa erklärt. Er ist vor der diesjährigen Tour für einige Zeit in seine Heimat zurückgekehrt und hat sich ausgedehntem Höhentraining gewidmet. Gegen Quintana spricht: Wenn er wieder alleiniger Kapitän bei der Tour sein will, haben die Umstände und die Teampolitik bereits anders entschieden. „Es ist schwer zu verstehen, warum Movistar seine drei Kapitäne alle wieder zur Tour schickt, nachdem sie mit dieser Strategie schon letztes Jahr gescheitert sind“, bemerkt Barbosa. „Bei einem hypothetischen Machtkampf sollte Nairo aufgrund seiner Resultate die Oberhand haben. Aber dass das Team kein Vertrauen zu ihm hat, das schwächt ihn.“ Der Journalist beschreibt weiter, wie die Situation bei Movistar Quintana zu schaffen macht: „Wenn die anderen nicht erreichen, was das Team von ihnen verlangt, muss Nairo dem Team den Hintern retten. Es ist kein Zufall, dass er bei jeder großen Rundfahrt, die er gewonnen hat, der einzige Kapitän war. Aber bei der Vuelta a España im letzten Jahr – wie kann es sein, dass Valverde zu Anfang sagt: ‚Ich bin hier, um Nairo zu helfen‘, dann drei Wochen lang in der Gesamtwertung vor ihm liegt, und an den letzten drei Tagen bricht Valverde ein, und dann muss Nairo wieder die Lage retten? Wie kommt jemand mental damit zurecht?“ 74 PROCYCLING | JULI 2019

Quintana failed to challenge for the 2018 Tour, but won stage 17 with a solo attack „WENN DIE ANDEREN NICHT ERREICHEN, WAS DAS TEAM VERLANGT, MUSS NAIRO DEM TEAM DEN HINTERN RETTEN. ES IST KEIN ZUFALL, DASS ER BEI JEDER GROSSEN RUND- FAHRT, DIE ER GEWONNEN HAT, DER EINZIGE KAPITÄN WAR.“ LUIS BARBOSA Man hat zunehmend das Gefühl, dass Quintana diese Situation nicht mehr lange erträgt. Sein Vertrag läuft Ende 2019 aus, und bereits im Februar wurde berichtet, dass Quintana offen über die Notwendigkeit spekuliere, Movistar am Jahres ende zu verlassen. Dann nahm er seine Aussage zurück, aber die Gerüchte, dass er das Team verlassen könnte, haben sich im Laufe der Monate gehalten. Angesichts der Komplexität der Situation könnten Quintanas Rennen in diesem Sommer erhebliche Auswirkungen auf seine Zukunft haben. „Es ist nicht seine letzte Chance, die Tour zu gewinnen, aber es könnte durchaus seine letzte Chance sein, sie mit Movistar zu gewinnen“, argumentiert Barbosa. Das Ausscheiden von Chris Froome könnte dem Kolumbianer dabei in die Karten spielen. Aber ist er körperlich dazu in der Lage? „Ein ­ mal ein Champion, immer ein Champion“, urteilt Chaves. „Es ist schwer vorherzusagen. Nur die Zeit wird es zeigen. Aber mein Instinkt sagt, dass er es noch schaffen wird. Und er hat es verdient – und sei es nur, weil er dem Druck der Erwartungen so lange standgehalten hat. Und denken Sie dran: Er ist erst 29. Er ist noch ein Kind.“ Es wäre also unfair zu sagen, dass 2019 für Quintana Endstation bei der Tour ist. Aber in diesem Juli steht er an einem großen Kreuzweg in seiner Karriere, vielleicht dem größten von allen. Und eine ganze Nation schaut zu. © Kramon JULI 2019 | PROCYCLING 75