Aufrufe
vor 9 Monaten

PC_08_2019_FINAL_X1

  • Text
  • Kilometer
  • Sercu
  • Images
  • Giro
  • Deignan
  • Fahrer
  • August
  • Procycling
  • Rennen
  • Etappe

DAS GROSSE INTERVIEW ©

DAS GROSSE INTERVIEW © Velofocus izzie Deignan ist mitten LIn im Stray, dem attraktiven ein paar Monaten wird sich die westliche Seite Park, der die südliche Seite des Stadtzentrums des Stray in ein Gewirr aus Farben, Lärm und von Harrogate halbkreisförmig umschließt. Der Menschen verwandeln, wenn die Weltmeisterschaft in der Stadt ist. Man hat sich beim Stre- Stray ist weitläufig und breit; die Schulen haben gerade kleine Trupps uniformierter Kinder freigesetzt, die durch das Grün schlendern, Hunde lau- jedes Rennen an einem anderen Ort, aber alle ckendesign etwas einfallen lassen, und so startet fen herum und das Gras wird sanft von der sonnigen Brise gewärmt. Der Stray ist ziemlich breit, der West Park Avenue am Stray. Deignan deutet Routen führen nach Harrogate – sie enden alle auf und wenn man in der Mitte ist, sehen die Autos auf eine Bank gegenüber einer dunklen Backsteinkirche, an der die Ziellinie sein wird. Sie kennt die an den Rändern wie Spielzeuge aus und klingen weit entfernt, aber Deignan ist leicht auszumachen, selbst vom Rand aus. Sie ist die im vollem Die Ziellinie ist ein bisschen weiter weg, als ihr Route des Frauenrennens bis ins kleinste Detail. Trek-Segafredo-Outfit, die die Wege rauf und lieb ist; sie würde lieber mit dem Anstieg ein kleines Stück weiter vorn arbeiten. runter fährt und von einem Kamerateam gefilmt wird, das einen Clip für Harrogate Spring Water Die Weltmeisterschaft 2019 ist eine Heimkehr dreht – das offizielle Wasser der Straßen-WM in für Deignan. Das Frauenrennen startet in Bradford und führt durch Otley, wo sie aufgewachsen Yorkshire, wie Deignans Pressesprecher uns informiert. Bei Harrogate Spring Water sind sie nicht ist. Deignans Beziehung zu den Straßen der Weltmeisterschaft 2019 geht zurück zu ihren alten dumm: Sie haben Deignan gebeten, das Gesicht einer Kampagne zu sein, die auf dem Event beruht. Trainingsrouten: Sie sind eine Zeitachse für sie. „Wir fahren ein paar Hundert Meter vom Haus meiner Schwester in Bradford vorbei. Dann kommen wir durch Otley und an der Kirche vorbei, in der ich geheiratet habe, die Kirche, in der meine Eltern geheiratet haben und in der ich getauft wurde. Wir fahren an meinem Gymnasium vorbei, über die Straße, auf der ich zu Schule gegangen bin. Wir fahren am Garten meiner Eltern vorbei. Dann kommen wir in Harrogate an, wo Orla geboren wurde, wo wir jetzt ein Haus haben und wo wir nach Tokio wieder hinziehen“, erzählt sie. Deignans Leben ist seit der Geburt von Tochter Orla in vieler Hinsicht anders. Es gibt keine Vorbestimmung im Radsport. Es ist ein Sport, wo vieles schiefgehen kann. Zwei Dinge fallen auf bei der Weltmeisterschaft in Yorkshire im Kontext von Deignans Karriere. Erstens kann man keine passendere Geschichte erfinden: Die Route des Straßenrennens der Frauen ist Deignans Leben, sowohl hinsichtlich der Gestaltung der Strecke als auch der Bedeutung des Rennens für sie. Zweitens hat sie, oberflächlich zumindest, die völlige Kontrolle über den Druck, der damit einhergeht. Einige würden dem Thema ausweichen, aus Angst, das größte Rennen ihres Lebens zu vermasseln, aber Deignan lässt sich gerne auf der Bank an der Ziellinie fotografieren und gibt gerne zu, wie sehr sie den Sieg will. Man könnte sagen, dass es das Größte ist, was ihr je passierte, und vor ein paar Jahren wäre es das gewesen. Aber die Geburt ihrer Tochter Orla scheint selbst die Aussicht auf eine Weltmeisterschaft vor heimischer Kulisse relativiert zu haben. Normale Leute streben oft danach, auf irgendeine Art ungewöhnlich zu werden – deswegen bewundern wir Sportler, Künstler, Musiker und Ärzte. Deignan ist das Gegenteil – sie wollte erst Rennfahrerin werden, als sie erkannte, dass sie gut darin war, aber Mutter wollte sie immer sein. Die tägliche Routine ist das Erste, was wegfällt, wenn ein Kind kommt. Das manifestiert sich in unvorhersehbaren Uhrzeiten und der Tatsache, dass sich jetzt alles um das Verdauungssystem und die Schlafgewohnheiten eines Kindes dreht. Aber es kann auch ganze Karrieren beeinflussen. Deignans Ehemann Philip beendete seine Karriere als Radprofi, um sich zu Hause um das Kind zu kümmern; Deignans eigene Saisonstruktur änderte sich gewaltig. Das sind die neuen Tatsachen des Familienlebens der Deignans. Orla kam letztes Jahr im September zu Welt; wie üblich im November mit dem Training zu beginnen, konnte Deignan also vergessen. Bei einem Kaffee im Prologue, dem Bikeshop und Café in Harrogate unweit der Ziellinie, erklärt Deignan, wie sie Kind und Karriere unter einen Hut bringt. „Ich habe sechs Wochen ganz freigenommen, dann bin ich wieder gefahren. Richtig trainiert habe ich von Januar an“, sagt sie. „Normalerweise konzentriere ich mich schon vom 1. November ganz darauf. Wenn du Mutter wirst, weißt du gar nicht, wie sich das auf alles auswirkt.“ Das hieß, dass die Klassiker nicht so im Fokus stehen konnten wie zuvor, obwohl sie trotzdem auf einen beeindruckenden siebten Platz bei Lüttich–Bastogne–Lüttich fuhr. Dafür machte sie im Mai keine Pause wie üblich, sondern ging zur Kalifornien-Rundfahrt, um sich in Form zu bringen, und dann zur Women’s Tour, die sie gewann. Die Auszeit, die sie sonst im Mai nahm, ist jetzt in den Juli verschoben worden. (Und sie ist dem Zeitplan weit voraus – sie rechnete nicht damit, die Women’s Tour zu gewinnen.) 32 PROCYCLING | AUGUST 2019

LIZZIE DEIGNAN Es gibt nicht viele Mütter im Peloton, was Orla Deignan zum unvermeidlichen Mittelpunkt jeder Geschichte über ihre Mutter gemacht hat. Ich wollte Deignan fragen, ob all das für sie so interessant ist wie für uns. „Es ist seltsam, es gibt viele Väter im Radsport, und niemand fragt sie nach ihrer Familie. Aber es stimmt, es ist ungewöhnlich. Wenn ich Frauen ermutigen kann, in ihrer Schwangerschaft gesund und aktiv zu leben, oder wenn ich Leuten zeigen kann, dass die Entscheidung, eine Familie zu gründen, ihre ist und nicht von ihrem Arbeitgeber oder dem vermeintlichen Einfluss auf ihre Karriere diktiert werden sollte, oder wenn ich Leute ermutigen kann, offen dafür zu sein, was eine Mutterschaft in ihrer Karriere bedeutet, ist es positiv, und dann teile ich es gern“, sagt sie. „Es ist die ganze Zeit ein Balanceakt. Ich habe unglaubliches Glück, dass Philip Vollzeit-Vater ist. Das ist enorm und ich will diese Tatsache nicht verbergen. Ich werde als Vorbild für andere Frauen dargestellt, aber was ich erreichen kann, liegt vor allem daran, dass mein Ehemann als Vater zu Hause bleibt. Jede Schwangerschaft und jedes Baby ist anders, und ich möchte nicht, dass andere Leute sich genötigt fühlen, es genau so zu machen. Ich bin in einer einzigartigen Position, was die Unterstützung angeht, die ich bekomme.“ Sie fügt hinzu: „Phil ist mit 34 aus dem besten Team der Welt ausgestiegen, und es war eine schöne Art, seine Karriere zu beenden. Er war derjenige, der mich ermutigt hat, wieder anzufangen, und der gesagt hat: ‚Du wirst es bedauern, wenn du es nicht tust‘ – und er kennt mich besser, als ich mich kenne. Er hatte absolut recht. Wenn die Weltmeisterschaften in Donegal wären, wäre es vielleicht etwas anderes, aber sie sind in Yorkshire, und so ...“ Trotzdem ist der Plan, keinen Plan zu haben. Deignan ist ziemlich allein auf weiter Flur – es hat einige prominente Mütter im Leistungssport gegeben wie Paula Radcliffe und Serena Williams, aber nicht so viele, dass es eine sichere Methode für den Umgang damit gibt, sowohl physisch als auch psychologisch. „Meine Beine sind wie immer“, beginnt sie mit dem, was sich nicht verändert hat. „Meine untere Hälfte fühlt sich solide und stark an. Aber bei meinem Oberkörper finde ich, dass meine Energiekette und die Kraftübertragung bei den Sprints noch nicht so stark sind wie früher. Ich hatte einen Termin mit einem Osteopathen in den Ardennen, der sagte, er könne fühlen, dass meine Bauchmuskeln noch nicht verbunden sind.“ Deignan hat sechs Monate lang gestillt. Während der Schwangerschaft schüttet der Körper größere Mengen des Hormons Relaxin aus, das der Entwicklung des Fötus und der Vorbereitung des Körpers auf die Geburt dient, und auch während des Stillens werden geringe Menge davon freigesetzt. Das hieß, dass Deignans Körper nach der Geburt länger brauchte, um sich an die Ansprüche des Radsports zu gewöhnen, wie sie erzählt. KARRIERE-HÖHEPUNKTE DEIGNANS BISLANG GRÖSSTEN ERFOLGE 2008 Als 20-Jährige gewinnt sie sieben Goldmedaillen bei drei Runden des Bahn-Weltcups binnen einer Saison – alleine fünf in Manchester. Sie verhilft Nicole Cooke zum WM-Titel in Varese. 2009 Sie unterschreibt bei Lotto-Belisol und gewinnt ihr erstes Profi- Straßenrennen, die 6. Etappe der Tour de l’Ardèche, im Massensprint. Beim Giro Rosa wird sie beste Nachwuchs fahrerin. 2010 Wechselt zum Cervélo Test Team, gewinnt weitere Goldmedaillen auf der Bahn, fokussiert sich aber auf die Straße. Fünf Siege bei der Tour de l’Aude, Route de France und Tour de l’Ardèche. 2011 Erster von vier nationalen Meistertiteln nach zwei zweiten Plätzen in den Vorjahren. Weitere Siege bei der Tour of Chongming Island und der Thüringen-Rundfahrt. © Getty Images AUGUST 2019 | PROCYCLING 33