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SAM OOMEN © Getty

SAM OOMEN © Getty Images mit Massagen zu behandeln, ehe er sich für die Operation entschied. Ten Dam selbst war einmal zwei Jahre unter ähnlichen Umständen Rennen gefahren, weil sein Problem nicht richtig diagnostiziert worden war. Oomens Entscheidung, das Problem geheim zu halten und eine Grand Tour zu fahren, bezeichnet er als „sehr mutig“. Ten Dam gab den Giro 2019 während der sechsten Etappe auf – an jenem Tag, als Oomen in der Ausreißergruppe des Tages vertreten war. Vom Teamfahrzeug hinten beobachtete er seinen Freund für eine Weile: „Ich wusste, dass bei den finalen Attacken eines seiner Beine voller Laktat sein würde und er den Attacken nicht mehr folgen würde können. Und dann hätte er wieder irgendeine Story für die Journalisten erfinden müssen, anstelle ihnen die Wahrheit über die Beckenarterie zu erzählen.“ Ob er glaube, dass Sunweb Oomen in diese ausweglose Situation gebracht habe, obwohl man wusste, dass er unter Nennwert fahren würde? Und kannte man auch die ernsthaften Gründe dafür? „Ich weiß nicht, ob es sein Team war. Es war wohl auch er selbst“, mutmaßt ten Dam. „Er ist wohl einfach zu konsequent, um aufzugeben.“ KONTINUIERLICHE ENTWICKLUNG „ICH WUSSTE, DASS BEI DEN FINALEN ATTACKEN EINES SEINER BEINE VOLLER LAKTAT SEIN WÜRDE. UND DANN HÄTTE ER WIEDER IRGENDEINE STORY FÜR DIE JOURNALISTEN ERFINDEN MÜSSEN, ANSTELLE DIE WAHRHEIT ZU ERZÄHLEN.“ LAURENS TEN DAM In der Tat verlief Oomens Entwicklung für sein junges Alter von gerade einmal 23 Jahren bisher überraschend kontinuierlich. In seiner ersten Saison lieferte er ein paar gute WorldTour-Rennen ab und gewann zudem die Gesamtwertung und eine Etappe bei der Tour de l’Ain. Im zweiten Jahr sammelte er Top-Ten-Resultate bei der Kalifornien- und der Polen-Rundfahrt und feierte bei der Vuelta a España ein beachtenswertes Grand- Tour-Debüt. Und im dritten Jahr wurde er Neunter beim Giro und holte zwei weitere Top-Ten-Resultate bei WorldTour-Etappenrennen. Die diesjährige Saison hätte ähnlich wie die letzte verlaufen sollen – mit einer Mischung aus Helfereinsätzen und Kapitänsrollen. Das vorzeitige Aus ist nach diesem geradlinigen Aufstieg nun umso schmerzhafter für ihn und sein Team. Denn spätestens seit seiner Giro-Performance 2018 waren sich die Sunweb-Manager sicher, dass ihr frühes Gefühl für Oomens Talent richtig war. Oomen war Dumoulins wichtigster Helfer in jener dreiwöchigen Landesrundfahrt. Selbst am letzten Tag in den Alpen war er beim Giro 2018 an der Spitze präsent und half, seinen Leader in eine Position zu bringen, von der aus dieser den im Rosa Trikot fahrenden Chris Froome in den Kehren hinauf nach Cervina attackieren hätte können. Sein Einsatz zahlte sich nur bedingt aus, da Dumoulin am Ende jenes langen Giros nicht die Beine für eine Attacke hatte. Doch auch Oomens Wille zählte. Insbesondere, da er für sich selbst auch noch einen neunten Platz in der Gesamtwertung herausfuhr. Seine einzige Schwäche bei jenem Giro hatte Oomen am Tag zuvor offenbart: Während Froomes beeindruckendem 100-Kilometer-Solo von Venaria Reale nach Bardonecchia/Jafferau war er auffällig unauffällig gefahren. Dumoulin hatte schon vor der Etappe eine Attacke erwartet. Am Morgen beim Rennbriefing hatte er dem Team gesagt: „Sky wird einige Fahrer in der Gruppe des Tages platzieren, Poels wird ein hartes Tempo am Finestre anschlagen, und Froome wird einige Kilometer vor dem Gipfel attackieren und dann versuchen, zu seinen Teamkollegen vorne aufzuschließen. Das ist zu 100 Prozent das, was passieren wird.“ Es passierte genau so. Und Dumoulin wusste Oomen nicht an seiner Seite. Warum?, wollen wir in Anbetracht seiner starken Fahrt davor und danach wissen: „Die Sache Ein neunter Platz bei Tirreno–Adriatico deutete auf eine gutes Jahr hin – ehe Oomens Saison ein jähes Ende nahm. 9 Oomens Rang beim Giro 2018 ist, dass ich an jenem Tag nicht sehr selbstbewusst im Bezug auf meine körperlichen Fähigkeiten war. Am Tag zuvor, als es nach Prato Nevoso ging, war ich wirklich nicht gut drauf. Ich wurde früh abgehängt und so hatte ich Zweifel, wie es wohl während des schwersten Tages des Giros werden würde. Das Dumme war, dass ich eigentlich ganz okay drauf war. Später habe ich mich dann darüber natürlich geärgert“, so Oomen, der hin- und her überlegt. „Keine Ahnung. Klar könnte ich jetzt sagen, dass ich am ersten Berg attackieren hätte sollen“, grübelt er, nur um nach einer Pause hinzuzufügen: „Nein, ich hätte nichts anders machen können – glaube ich.“ Ein Jahr später sind alle Fragen nach dem berühmten „Was-wäre-wenn-Prinzip“ tief unter einem Haufen positiver Gefühle begraben. „Es war eine tolle Erfahrung, die ich für den Rest meines Lebens in Erinnerung behalten werde. Das Erste, an das ich denke, ist das letzte Wochenende des Giros, der Finestre und das Bier in Rom nach einem dreiwöchigen Abenteuer. Das war schon speziell und man kann das mit nichts anderem vergleichen. Ich fühle mich wirklich privilegiert, das erlebt zu haben.“ In unserem Gespräch gibt Oomen dennoch zu, dass er immer eine gewisse Unsicherheit über seine Fähigkeiten und sein Poten zial mit sich herumtrage. Diese tauche meist zu Beginn eines Etappenrennens auf, wenn er seine Heimat in Tilburg hinter sich lässt und auf die weltbesten Kletterer trifft. „Ich hatte schon immer dieses unsichere Gefühl, aber ich glaube nicht, dass das schlecht ist. Ich würde sogar sagen, dass es mich fokussierter macht. Insgesamt macht es mir daher nichts aus.“ Es komm nicht von ungefähr, dass für einen Fahrer mit Oomens Talent nun die nächste Karrierestufe in den Fokus rückt. Doch der Schritt vom beständigen Top-Ten-Fahrer bei WorldTour-Rennen zum Top-Fünf- oder Siegfahrer war wohl nie schwerer als derzeit. Oomen stimmt zu: „Letztes Jahr landete ich oft zwischen Platz fünf und zehn. Man könnte meinen, dass es nur ein Schritt zu den Top Fünf wäre – aber es ist ein sehr harter Schritt. Und es braucht Zeit“, meint er. In diesem Jahr hätte es nun so weit sein sollen und es sah 46 PROCYCLING | AUGUST 2019

SAM OOMEN danach aus, als könnte Oomen seine Ausbildung abschließen und diesen nächsten großen Sprung machen – auch weil sein junges Alter ihm solche Leistungssprünge erlaubt. „Dann kommst du zu einem Punkt, vielleicht wenn du um die 25 bist, wenn die Schritte kleiner werden und du mehr und mehr investieren musst, um dich weiterzuentwickeln. Man kann das sehr gut bei Tom und den anderen Fahrern sehen: Wenn sie 26, 27 sind, schaffen sie es wirklich an die Spitze.“ Vor den Rückschlägen in diesem Jahr hätte man durchaus meinen können, Oomen sei diesem klassischen Karriereschema weit voraus. Doch das ist nun hinfällig. Drei Wochen vor der Operation an der Beckenarterie war er bei den ten Dams zu Besuch, schlank und austrainiert. Eines der Gesprächsthemen, als man am an einem Abend um die Feuerstelle im Garten saß: Ob Oomen nach seiner Genesung in eine Gegend ziehen sollte, die hügeliger ist als seine Heimat Tilburg. „Er war immer noch so fokussiert“, erzählt ten Dam über jenen Abend. „Ich sagte ihm, dass er nicht so streng mit sich selbst sein solle. Und dass er die Saison abschreiben solle.“ Was sicher ist: Wenn sich Oomen von der Operation wieder erholt, wird es niemanden Glücklicheren geben als ten Dam, ihn in den Bergen wieder ganz vorne zu sehen. Oomen als Ausreißer beim diesjährigen Giro, ehe er nach einem Sturz auf der 14. Etappe aussteigen musste. © Gruber Images AUGUST 2019 | PROCYCLING 47