Aufrufe
vor 9 Monaten

PC_08_2019_FINAL_X1

  • Text
  • Kilometer
  • Sercu
  • Images
  • Giro
  • Deignan
  • Fahrer
  • August
  • Procycling
  • Rennen
  • Etappe

JACK BAUER macht, bis

JACK BAUER macht, bis einer der Jungs genug hatte und nicht mehr weitermachen konnte. Da bin ich auch wieder aufs Rad gestiegen und habe die Gitarre an den Nagel gehängt. In meinem ersten Jahr nach dem Uni-Abschluss bin ich in den örtlichen Radsportverein eingetreten – ich bin heute noch Mitglied. Ich habe dieses ganze Straßen-Ding mitbekommen, von Samstags-Rennen bis zu Dienstagsabends-Rennen. Dadurch hielt ich mich ziemlich fit. Ich arbeitete nebenher als Fahrradkurier im verregneten und windigen Wellington [Hauptstadt von Neuseeland]. Da habe ich gemerkt, dass mir das Radfahren immer noch Spaß machte und dass ich auch körperlich damit zurechtkam – tagein, tagaus. Ein Jahr später, 2009, saß ich in einem Flugzeug nach Belgien, um Rennen zu fahren. Es war ein großes Abenteuer, es alleine zu machen. Ich war 24. Es war ein wilder Schuss ins Blaue, und das sagten mir die Leute auch. Ich bin direkt nach Gent gegangen und dort sechs Monate gefahren. Seitdem lebe ich nicht mehr in Neuseeland. „ES WAR KALT UND REGNERISCH, ALS ICH IM APRIL IN BELGIEN ANKAM. DAS LEBEN WAR GANZ SCHÖN HART. ES WAR ÜBERHAUPT NICHT GLAMOURÖS. ABER ICH KONNTE SEHEN, DASS DIESE VERRÜCKTE IDEE LANGSAM GESTALT ANNAHM.“ Dass es Länder gibt, wo die Leute Radsport mögen, war mir neu. Zu Hause war es das Allergrößte, wenn man Zeit zum Training und Geld hatte, um den Lebensstil eines Radsportlers zu Bauer, ein erwiesen starker Klassiker­ Fahrer, bei der Flandern-Rundfahrt 2019. finanzieren. Man verdiente kein Geld mit Radfahren. Ich kam grün hinter den Ohren in Belgien an. Ich war, nachdem ich ein Jahr als Fahrradkurier geackert hatte, ziemlich stark; ich war nicht mehr jung, ich war 24. Ich war relativ fit und relativ stark und relativ lebenstüchtig. Mein Ziel war, in Belgien zu lernen, wie man Rennen fährt, zurück nach Neuseeland zu gehen und die Tour of Southland zu fahren, dort eine Etappe zu gewinnen und meine Karriere zu beenden. Das war mein Best-Case- Szenario. Plötzlich konnte ich mich den ganzen Tag dem Radsport widmen und hatte ein kleines bisschen Geld auf der Bank. Ich erkannte, dass es zwei- oder dreimal die Woche ein Rennen in der Gegend gab und du, wenn du schnell und stark warst, ein paar Hundert Euro verdienen konntest, wenn du den Sprint auf den Runden gewannst oder das Rennen gewannst. 50 PROCYCLING | AUGUST 2019

JACK BAUER Große Enttäuschung: Auf der 15. Etappe der Tour 2014 wird Bauer knapp vor der Linie abgefangen. Ich wohnte in einem Bauernhaus mit russischen, australischen und englischen Jungs, die die gleiche Idee hatten wie ich. Ich wollte es unbedingt, als ich einmal erkannt hatte, dass ich es schaffen konnte, wenn ich genug Rennen gewann und Leute schlug, von denen ich wusste, dass die Profiteams ein Auge auf sie geworfen hatten. Es dauerte ein, zwei Wochen, bis ich gewann, und ich machte fünf, sechs Monate so weiter. Ich habe wirklich gelernt, die harten Kilometer abzuspulen. Es war kalt und regnerisch, als ich im April in Belgien ankam. Das Leben war ganz schön hart. Es war überhaupt nicht glamourös. Aber ich konnte sehen, dass diese verrückte Idee, die ich als Kind hatte, langsam Gestalt annahm, wenn ich immer wieder jemanden schlug. Ich machte mir langsam einen Namen als dieser Junge, der aus dem Nichts kam und den anderen scheinbar mühelos davonfahren konnte. Ich hatte überhaupt kein Know-how, weil ich vorher nie Rennen gefahren war. Die einzige Art, zu gewinnen, war, die Leute mental oder körperlich zu knacken, und nur das habe ich gemacht. Ich habe viele Leute kennengelernt, bei Highroad und anderen Teams. Das brachte den Ball ins Rollen. Ich flog 2009 nach Hause, um meinen Etappensieg bei der Tour of Southland anzupeilen, und holte ihn auf der ersten Straßenetappe. Ich gewann die Etappe über den gefürchteten Bluff Hill. Es ist einer der schwersten Hügel in Neuseeland. In der Vergangenheit war ich ihn als Mountainbiker gefahren und habe auch eins aufs Dach gekriegt und mein Rad den Hügel hochgeschoben. Ich gewann meine Etappe, und plötzlich hörten die Leute meinen Namen, und die Sache nahm Fahrt auf. Ich lernte Allan Peiper kennen, der damals für HTC-Highroad arbeitete. Er sagte mir: „Es ist alles gut und schön, bei einem großen Straßenteam Profi zu werden, aber wenn du es in deiner jetzigen Verfassung versuchst, bekommst du eine Abreibung und fliegst gleich wieder raus und hältst höchstens ein Jahr durch.“ Er riet mir, die Grundlagen bei einem jungen Team zu lernen. Und das habe ich gemacht. Er machte mich mit Brian Smith bei Endura Racing bekannt, einem Continental- Team in Schottland. Sechs Monate später konnte ich schon darüber nachdenken, in Vollzeit nach Europa zu ziehen und für ein Team zu fahren. Die richtigen Türen öffneten sich zur richtigen Zeit, und so kam ich 2012 bei Jonathan Vaughters’ Garmin-Team unter. Damit wurde ein Traum für mich wahr, wobei ich die richtigen Leute zur richtigen Zeit kennenlernte. Ich verstand, dass man etwas zusätzlichen Glanz brauchte. Ich war 26, als ich bei Vaughters unterschrieb. Warum würdest du einen 26-Jährigen nehmen, der am Anfang seiner Karriere steht, wenn er nicht sehr vielversprechend ist? Was ich nicht war. Es lag an meiner Verbindung zu Peiper. Er war von HTC zu Garmin gewechselt und sagte einfach nur: „Schaut euch Jack mal an.“ KARRIERE-HÖHEPUNKTE 2010–2012 ENDURA RACING 2012–2016 GARMIN SHARP 2017 QUICK-STEP FLOORS 2018 BIS HEUTE MITCHELTON-SCOTT Unterschreibt bei dem britischen Conti-Team, das von Brian Smith geführt wird. Gewinnt die neuseeländische Straßenmeisterschaft 2010 und nimmt das Meistertrikot mit zum Team. Er fährt seine ersten Etappenrennen in Europa und Kriterien in Großbritannien. Gewinnt sein erstes internationales Rennen, die Tour of Utah 2011, wo er einen jungen Elia Viviani im Sprint schlägt. Erreicht die WorldTour mit Garmin. Fährt seinen ersten Giro 2012 als Helfer für Ryder Hesjedal, der das Rosa Trikot gewinnt. Arbeitet in den Sprintzügen, hilft Garmin, das Mannschaftszeitfahren zu gewinnen, und entwickelt sich zur mannschaftsdienlichen Allzweckwaffe. Ist kurz davor, aus einer Ausreißergruppe eine Etappe der Tour 2014 zu gewinnen, wird aber ein paar Meter vor der Linie abgefangen. Wird wieder neuseeländischer Meister, dieses Mal im Zeitfahren. Er unterschreibt bei dem belgischen Team und beweist seinen Wert im Sprintzug für Marcel Kittel, dem er zu fünf Etappensiegen verhilft. Als klar wird, dass Kittel das Team verlässt, ist auch Bauers Platz in Gefahr, und der Neuseeländer steht im Dezember ohne Vertrag da. Geht zu dem australischen Team, um die Klassiker-Fraktion zu verstärken, und startet regelmäßig bei den Kopfsteinpflasterrennen im Frühjahr, wo er die Kapitäne Matteo Trentin und Luke Durbridge unterstützt. Seine Vielseitigkeit macht ihn bei den großen Rundfahrten unbezahlbar, und bisher hat er Adam und Simon Yates bei der Tour und beim Giro unterstützt. © Getty Images AUGUST 2019 | PROCYCLING 51