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CANYON-SRAM 1. ETAPPE

CANYON-SRAM 1. ETAPPE 10.6.2019 BECCLES > STOWMARKET © Jojo Harper D ie Morgennachrichten im Fernsehen zeigen eine gelbe Wetterwarnung über dem Südosten Englands und East Anglia. Der Wetterbericht sagt 60 Liter Regen in den nächsten 24 Stunden voraus – die Niederschlagsmenge eines Monats an einem Tag. Tag eins der Women’s Tour dürfte ein Schlag ins Wasser werden. Es ist morgens um halb acht, und die Fahrerinnen von Canyon-Sram kommen eine nach der anderen aus dem Hotel, ziehen ihren Koffer zur Ecke des Parkplatzes des Ipswich Holiday Inn. Die purpur-, pink- und orangefarbenen Streifen ihrer Mannschaftswagen sind ein bunter Farbtupfen vor dem grauen Himmel und Beton. Mechaniker Jochen Lamade ist seit fünf Uhr morgens auf, während Beth Duryea, Marketingmanagerin und Sportliche Leiterin des Teams, erst um halb vier in der Nacht angekommen ist, nachdem sie direkt vom gestrigen Dwars door Westhoek in Belgien mit dem Auto hergefahren war. Alle tragen Turnschuhe mit Boa-Rädchen statt mit Schnürsenkeln – ein kleines Geschenk vom Sponsor, das für eine nette Einheitlichkeit sorgt. Mir wurde gesagt, dass wir um viertel vor acht aufbrechen, um rechtzeitig am Start in Beccles zu sein, aber dass ich früher da sein solle. Wir richten uns nach deutscher Zeit, mit fünf Minuten vor der Abfahrtszeit liegt man also richtig. Ich steige hinten in einen weißen Skoda ein, der Hannah Barnes gehört, eine Leihgabe an das Team, da sie ein zusätzliches Auto brauchten. Duryea lächelt, als sie Richtung Uhrzeit nickt, als wir den Parkplatz verlassen; 7:41 Uhr. Die Etappe ist weitgehend flach und es ist mit einem Sprint zu rechnen, aber der Regen sorgt für einen Dämpfer, bevor der erste Tropfen gefallen ist. Das Team trägt ein spezielles Rapha-Trikot, um den Women’s 100 Ride zu feiern, und Hannah will sich vergewissern, dass sie genug Regensachen für den ganzen Tag dabei hat. Ihr Vater ruft während der einstündigen Fahrt an und hat einen noch schlechteren Wetterbericht. 100 Liter Regen könnten heute fallen, was die 157-Kilometer-Route durch die Suffolk Plains von Minute zu Minute unattraktiver macht. Mit Beginn des Rennens setzt der Regen ein und lässt während der vier Stunden nicht mehr nach. Alle sind durchnässt, als sie zum Platz von Canyon auf dem Parkplatz eines B&M-Schnäppchenmarkts in Stowmarket zurückkommen. Als Alice Barnes ihre Brille abnimmt, ist ihr Gesicht mit braunen Spritzern übersäht. „Funktioniert die Dusche?“, fragt Hannah. Sogar Hannahs Freund, der Ineos-Fahrer Tao Geoghegan Hart, der kurz vorbeigekommen ist, um hallo zu sagen, hat ein schwarzes Kapuzenshirt eng um den Kopf gezogen, um sich zu schützen. Es könnte November sein, nicht Juni. Das Rennen war weitgehend ereignislos, was heißt, dass es ein ruhiger Tag für Lamade war – es gab keine Stürze oder Defekte. Trotzdem hat er noch einen langen Abend vor sich. Nach der 80-minütigen Fahrt zu unserem Hotel in Essex hat er noch einmal drei Stunden lang zu tun. Die Ersatzräder wurden zwar nicht gebraucht, aber sie haben Regen abbekommen und müssen alle wieder gereinigt werden. Genau wie die Mannschaftswagen von innen und außen – ein tägliches Erfordernis bei dem Rennen. Der Regen hat nicht nur die Laune der Fahrerinnen gedämpft. RENNVERLAUF Mit strömendem Regen und drei Zwischensprints, bei denen in der zweiten Hälfte der Etappe Bonussekunden zu holen sind, bleibt das Feld zusammen, bis Abby-Mae Parkinson 24 Kilometer vor dem Ziel attackiert. Bei Ca - n yon war der Plan, mit Elena Cecchini in einem Massensprint zu punkten. Aber als Parkinson zwei Kilometer vor der Linie gestellt wird, ist Boels-Dolmans im Finale das organisier teste Team. Jolien D’Hoore gewinnt, Cecchini ist Ca - nyons bestplatzierte Fahrerin auf Platz zwölf. Alle Fahrerinnen der Women’s Tour trugen die rosa Schleifen einer Brustkrebs-Initiative. Die Stimmung vor der ersten Etappe ist gelöst, doch dann setzt der Regen ein. ERGEBNISSE 1. ETAPPE 1 Jolien D’Hoore Boels-Dolmans 4:09:12 2 Amy Pieters Boels-Dolmans + 0:00 3 Lisa Brennauer WNT-Rotor + 0:00 Gesamtführende: Jolien D’Hoore 54 PROCYCLING | AUGUST 2019

CANYON-SRAM Elena Cecchini versucht es auf der 2. Etappe mit einer Soloflucht, wird aber wieder eingeholt. E 2. ETAPPE 11.6.2019 KENT CYCLOPARK s ist morgens um halb zehn, als die erste Fahrerin, Kasia Niewiadoma, zum Frühstück kommt. Die heutige Etappe ist nur 65 Kilometer lang auf einem Rundkurs im Kent Cyclopark, daher können die Fahrerinnen heute ausnahmsweise einmal ausschlafen. „Road Captain“ Tiffany Cromwell wurde am Vorabend als Botschafterin ausgesandt, um Teamchef Ronny Lauke zu bitten, die Mannschaftsbesprechung um eine halbe Stunde zu verschieben, damit sie länger schlafen können. Die Etappe beginnt um zwei Uhr nachmittags, und der Kontrast zu gestern könnte nicht größer sein. Die angespannte Stimmung vom ersten Tag ist verflogen; Lisa Klein macht Yoga auf einer Matte auf dem Parkplatz, während Lamade und Arne Kenzler, der zweite Mechaniker, um die Autos herumwuseln und die freie Zeit nutzen. Für die Barnes-Schwestern sind die Etappen 2 und 3 Heimspiele. Wir sind heute in Kent, wo Hannah geboren wurde, während Etappe 3 in Oxfordshire ausgetragen wird, wo Alice zur Welt kam. Ihr Vater arbeitete als Landwirt im Blenheim Palace, wo die 3. Etappe zu Ende geht – die beiden können sich noch daran erinnern, wie sie als Kinder auf dem Gelände gespielt haben. Zwei Tage sind sie bei den örtlichen Zeitungen und Fans sehr gefragt. Die Women’s Tour ist ein großes Ziel auf dem Kalender wegen der Siegprämien von 97.880 Pfund – anteilig so viel wie bei der Tour of Britain der Männer – und der Fernsehübertragung der täglichen Highlights. Hannah war seit der Erstauflage 2014 jedes Jahr dabei und wurde 2017 Gesamt- Dritte; damit ist sie eine der einheimischen Favoritinnen. „Ich werde normalerweise nicht nervös, aber jetzt schon, weil so viel davon abhängt“, sagt sie. Hannah Barnes ist mit 26 in ihrer vierten Saison bei Canyon, und das Team verlässt sich darauf, dass die gute Kletterin und erfahrene Sprinterin die ganze Woche lang in jedem Finale für ihre Kapitänin Niewiadoma da ist. Hannah scheint im Laufe des Rennens immer stärker und selbstbewusster zu werden. „Es war nicht der beste Start [ins Jahr 2019]. Ich hatte ein wirklich gutes Het Nieuwsblad und das Strade Bianche war gut, aber es war ein bisschen langsam für mich. Ich bin nach einem wirklich guten Winter mit großen Erwartungen in die Saison gegangen. Aber Juni und Juli sind normalerweise eine gute Jahreszeit für mich“, sagt sie mir später im Mannschaftshotel. Auch die Atmosphäre wird im Laufe der Saison besser. „Wenn wir einige Rennen hinter uns haben, fahren wir viel besser, was wichtig ist. Du brauchst einen guten Zusammenhalt im Team und die Verbindung. Es gibt definitiv Fahrerinnen, die viele engere Bande mit anderen Fahrerinnen haben, aber wir finden langsam den perfekten Weg“, sagt sie. Lokalmatadorin Hannah Barnes ist bei den Medien des Landes sehr gefragt. „Wir sagen immer, wir verlieren viele Rennen zusammen, aber das macht die, die wir gewinnen, umso besser.“ RENNVERLAUF Von außen betrachtet, passiert nicht viel an diesem Tag. Alice Barnes und Cecchini sind die einzigen Fahrerinnen, die angreifen. Beide können sich zwischenzeitlich absetzen und Cecchini kann das Feld drei Runden lang auf Distanz halten, aber da Trek-Segafredo und Boels-Dolmans das Tempo kontrollieren, hat keine der beiden eine Chance und das Feld rollt wieder zusammen. Zum zweiten Mal kommt es zu einem Massensprint, den dieses Mal Marianne Vos gewinnt. ERGEBNISSE 2. ETAPPE 1 Marianne Vos CCC Liv 1:34:17 2 Lizzie Deignan Trek-Segafredo + 0:00 3 Sarah Roy Mitchelton-Scott + 0:00 Gesamtführende: Marianne Vos © Velofocus, Jojo Harper (klein) AUGUST 2019 | PROCYCLING 55