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ALBERTO BETTIOL ©

ALBERTO BETTIOL © Kramon Erstmals kann Bettiol das Gefühl genießen, auf der höchsten Stufe des Treppchens zu stehen – und dann gleich hier! Er hatte gehofft, der Wechsel würde ihm guttun, aber das Gegenteil war der Fall. Plötzlich war Bettiol der Neue in einem Team mit vollkommen anderen Abläufen, Strukturen und Gepflogenheiten. 2018 war eines seiner schlechtesten Jahre, und als die Chance kam, zu EF zurückzugehen, zögerte er nicht. „Wenn du das Team wechselst, ist es wie eine Familie zu wechseln, du fängst bei null an. Sich einer Gruppe von Leuten anzuschließen, die sich schon lange kannten, war ohnehin schwer, außerdem hatte ich meine eigenen Probleme. Vielleicht ist es auch dank BMC, dass ich die Flandern- Rundfahrt gewonnen habe, weil ich verstehe, wie wichtig dieses Team [EF] ist und dass es am Ende nicht so schlecht war“, sagt er. „Die Umgebung war ganz anders, vieles war anders. Ich könnte eine Woche lang die Unterschiede erklären. Es ist keine gute oder schlechte Umgebung, es ist einfach anders, und jeder Mensch reagiert auf die Umgebung, in der er ist. Wenn du nur eine Umgebung siehst, weißt du nie, wie unterschiedlich die Dinge sind.“ Der Wechsel zurück gab Bettiol eine neue Wertschätzung für EF und brachte ihn wieder zurück in eine Trainingsumgebung, von der er gar nicht erkannt hatte, dass sie von Anfang an perfekt auf ihn zugeschnitten war. Vor allem gab das Team ihm den Glauben an sich selbst und die Zuversicht, die ihm oft fehlten, wie er sagt. „Es gibt wenige Leute, die immer an mich glaubten. Zwei davon sind Jonathan Vaughters und Charly Wegelius. Ich habe nie wirklich an mich geglaubt. Selbst heute noch brauche ich jemanden, der mir sagt, was ich kann“, gibt Bettiol zu. „Im letzten Jahr war das Team [BMC] ganz auf Greg Van Avermaet ausgerichtet, und das war … okay, das ist normal, aber für mich war es nicht gut.“ Bettiol hat weitere Veränderungen vorgenommen. Er nahm drei Kilo ab und verfeinerte sein Training, achtete mehr auf Regeneration, Ruhetage, Schlafen und Ernährung. Nicht leicht für einen italienischen Fahrer, dessen Vorliebe für italienische Küche ihm den Spitznamen „Mamma di Pasta“ eingebracht hat. „Ich dachte, wenn du etwas tun willst, was du noch nie getan hast, musst du etwas tun, was du noch nie getan hast. Also sagte ich: Okay, mit diesem Körper habe ich gute Resultate geholt, aber ich will mich steigern. Ich stellte mein Training um, ich versuchte, Gewicht zu verlieren“, sagt er. „Bis dahin war ich, als ich alles machte wie immer, Vierter, Siebter, Fünfter, Zehnter geworden. Ich versuchte, einen weiteren Schritt zu gehen.“ 56 PROCYCLING | OKTOBER 2019

ALBERTO BETTIOL Bettiol beginnt sich an seinen Stuhl zu gewöhnen, als die Minuten vorbeigehen, streckt seine Beine nach und nach unter dem Tisch aus, als fühlte er sich mit jedem Wort wohler, das aus seinem Mund kommt. Er dreht sein Telefon um, Gesicht nach unten, als eine Botschaft auf dem Schirm auftaucht. Der Wechsel zu EF Education First brachte die Dinge ins Rollen, als die Flandern-Rundfahrt kam. Von neuem Selbstbewusstsein erfüllt, fuhr Bettiol, wie er 2017 aufgehört hatte. Bei Tirreno– Adriatico war er auf vier Etappen in die Top Ten gefahren; bei Mailand–San Remo startete er eine couragierte Attacke am Poggio. Beim E3 Binck- Bank Classic war er Teil der fünfköpfigen Gruppe, die den Sieg unter sich ausmachte. Als die Flandern-Rundfahrt kam, wusste er, dass er in guter Form war. „An dem Morgen habe ich an mich geglaubt. Ich wusste, dass ich bereit war. Als ich dort ankam, hatte ich 100 Prozent von dem gemacht, was ich konnte“, sagt er. „Es war eine Überraschung, denn es war mein erster Sieg, aber ich musste irgendwo anfangen, und deswegen habe ich beschlossen, bei dem Rennen anzufangen, das wohl am schwersten zu gewinnen ist.“ Bettiol und sein Team fuhren das perfekte Rennen. Er war immer genau in der richtigen Position und verbrauchte kein Quäntchen Energie mehr als nötig. Nach der Muur van Geraardsbergen hatte das Team immer noch vier Fahrer vorn. Erst infiltrierte Matti Breschel eine gefährliche Attacke von vier Fahrern, dann entwischte Sep Vanmarcke 50 Kilometer vor der Linie mit einem Trio. Als das reduzierte Peloton den Kwaremont 17 Kilometer vor dem Ziel zum letzten Mal in Angriff nahm, beschleunigte Bettiol und setzte sich ab. Sein Teamkollege Sebastian Langeveld war immer noch in der Gruppe dahinter mit den Favoriten, konnte die Verfolgung stören und hätte eine Konterattacke fahren können, wenn nötig. „Ich habe immer gesagt, dass ich nicht der Stärkste war, aber ich war der Frischeste, weil mein Team mich bis zum Kwaremont geschont hatte. Meine Teamkollegen haben den Job gemacht, den Greg Van Avermaet an der Muur selbst machen musste. [Oliver] Naesen musste es selbst machen. Quick-Step-Fahrer bekämpfen sich gegenseitig, um zuerst dort hinzukommen, gegen ihre Teamkollegen. Das ist nicht unsere ICH WAR NICHT DER STÄRKSTE, ABER ICH WAR DER FRISCHESTE, WEIL MEIN TEAM MICH GESCHONT HAT. Strategie. Unsere Strategie war, dass wir einen sehr klaren Plan hatten. Wir hatten ihn zwei Tage zuvor alle zusammen besprochen, und wir setzen diesen Plan zu 110 Prozent um. Alle in meiner Gruppe wussten ganz genau, was sie zu tun hatten“, sagt er. „Am Ende waren wir an dem Tag eine Art Quick-Step, weil es super war, was wir gemacht haben. Du kannst die ganze Zeit der Stärkste sein, aber ohne das Team gewinnst du nie die Flandern-Rundfahrt.“ Obwohl Bettiol versichert, dass es Parallelen gebe zwischen den Straßen in seiner heimischen Toskana und denen in Belgien, fehlt ihm einiges von der Erfahrung, die normalerweise notwendig ist, um sich bei der Flandern-Rundfahrt zu behaupten. Dieses Jahr war nach zwei Aufgaben und einem 24. Platz erst sein vierter Start bei dem Rennen. Aber in diesem Jahr strahlte Bettiol die taktische Sicherheit eines viel älteren Fahrers oder eines Fahrers aus der Region aus. Als seine Rivalen mehr als 90 Kilometer vor dem Ziel nach vorne zu fahren begannen, wusste Bettiol, dass es am besten war, zu bleiben, wo er war, und Energie zu sparen. Als er angriff, hatte niemand die Beine, um ihm zu folgen. „Ich sagte mir einfach: Nein, ich muss am Hinterrad bleiben; ich kann nicht gehen, es ist zu früh. Meine Rivalen wollten nach vorn, ich weiß nicht, warum, aber sie haben so viel Energie verbraucht. Schließlich zählt nach 250 Kilometern alle Energie, und als ich ging, glaube ich nicht, dass sie sich da gegenseitig angeschaut haben. Sie konnten einfach nicht“, sagt er. „Ich wusste nicht, dass es die richtige Attacke war, denn ich hätte nie gedacht, dass ich alleine mit 15 Sekunden Vorsprung ankommen würde. Ich wollte sie unter Druck setzen, vielleicht mit zwei oder drei Fahrern entwischen und dann meine Karten im Finale ausspielen. Aber schließlich hatte ich nach dem Paterberg so viele Sekunden herausgefahren.“ Die Herausforderung für Bettiol ist jetzt, dafür zu sorgen, dass die Flandern-Rundfahrt kein einmaliger Treffer ist, sondern der erste von mehreren großen Siegen. Er stand im Juni beim Straßenrennen und Zeitfahren der italienischen Meisterschaf - ten auf dem Podium und hat sich für die Weltmeisterschaft in Yorkshire einiges vorgenommen. „Mein Fokus ist auch, diese Einstellung zu behalten – einen Plan zu haben, aber mich gleichzeitig frei zu fühlen, Fehler zu machen, und mit ITALIENISCHE GEWINNER DER FLANDERN- RUNDFAHRT In der 116-jährigen Geschichte der Flandern-Rundfahrt hat es nur elf ita - lie nische Sieger bzw. Siegerinnen des Rennens in Belgien gegeben. Der aus der Toskana stammende Alberto Bettiol sagt: „Wenn du die Straßen in der Toskana siehst – würdest du das Kopfsteinpflaster hinzufügen, wäre es mehr oder weniger dasselbe [wie in Flandern].“ Aber der 25-Jährige, der in der Region lebt und trainiert, ist einer von nur vier Fahrern aus der Toskana, die den Titel gewonnen haben. Die anderen sind Fiorenzo Magni, der die Ronde als erster Italiener über haupt gewann – und dann gleich drei Mal von 1949 bis 1951 –, der Sieger von 1996, Michele Bartoli, und der Champion von 2002, Andrea Tafi. Der letzte italienische Sieger vor Bettiol war Alessandro Ballan 2007. Alberto BETTIOL 2019 Marta BASTIANELLI 2019 Elisa LONGO BORGHINI 2015 Alessandro BALLAN 2007 Andrea TAFI 2002 Gianluca BORTOLAMI 2001 Michele BARTOLI 1996 Gianni BUGNO 1994 Moreno ARGENTIN 1990 Dino ZANDEGÙ 1967 Fiorenzo MAGNI 1949–1951 einem freien Kopf, ohne jeden Druck und ohne etwas, was dich müde machen kann, Rennen zu fahren“, sagt er. So oder so dürfte Alberto Bettiol wohl nie wieder ganz der sein, der er vor dem 7. April war. „Ich erinnere mich daran, dass ich zwei Tage später, am Dienstag, mit meinem Rad rausfuhr und nicht trainieren konnte, weil all die Autos anhielten und ein Foto mit mir wollten.“ Mittlerweile sitzt er da und schaut uns direkt an, seine Arme ruhen auf dem Tisch, als er sich vorbeugt. Das scheint eine Geschichte zu sein, die zu erzählen er nicht müde wird. OKTOBER 2019 | PROCYCLING 57