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Procycling 01.19

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R Ü C K 20 18 J A H R E

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K QUICK- STEPS ERFOLGS- REZEPT EXPERTENMEINUNG SAM DANSIE Stellv. Chefredakteur © Getty Images, Velofocus (groß) 2Wir fragten uns, was aus Quick-Step werden würde, als Ende 2017 ihr Klassiker- Superstar Tom Boonen seine Karriere beendete und Marcel Kittel, der beste Sprinter des Jahres, das Team verließ. Aber das Team ist erfolgreicher geworden. Philippe Gilbert genießt den goldenen Herbst seiner Karriere und Niki Terpstra hat sich zu einem echten Favoriten für jeden Kopfsteinpflaster-Klassiker entwickelt, aber vor allem sind Julian Alaphilippe, Elia Viviani, Fernando Gaviria, Yves Lampaert und Bob Jungels zu Weltklassefahrern herangereift, und jüngere „Quick-Stepper“ wie Álvaro Hodeg, Fabio Jakobsen und Enric Mas sind mit ihren Resultaten ihrem Zeitplan deutlich voraus. In Kombination mit einem starken „Einer für alle und alle für einen“-Ethos hat dies zu 73 Siegen in der Saison geführt. Alaphilippe holte Quick-Steps erstes Trikot bei der Tour seit 2007. Bester Fahrer Thibaut Pinot. Andere haben größere Rennen gewonnen, aber Pinot hat 2018 zu sich gefunden. Er hätte beim Giro auf dem Podest gestanden, hätte ihn nicht auf der 20. Etappe eine Lungenentzündung außer Gefecht gesetzt, und er glänzte gegen Ende der Saison: zwei Vuelta-Etappen, ein italienischer Halb - klassiker und die Lombardei-Rundfahrt. Beste Fahrerin Amanda Spratt. Bis zu diesem Jahr war ihr bestes Ergebnis bei einem Rennen der Women’s WorldTour ein dritter Platz auf einer Etappe des Giro Rosa 2017. Doch 2018 stand sie auf dem Podest von Amstel und Lüttich, siegte beim Emakumeen Euskal Bira, holte Etappensieg und den dritten Platz beim Giro und war die einzige Fahrerin, die es bei der WM mit van der Breggen aufnehmen konnte. Wer beeindruckte sonst? Es war das Jahr des Stehvermögens: Geraint Thomas (ich dachte immer, an ihm sei ein Klassiker-Spezialist verloren gegangen) und natürlich Simon Yates für seine Widerstandsfähigkeit. Auch van Vleuten erwies sich als unverwüstlich: Ihr siebter Platz beim WM-Straßenrennen mit gebrochenem Knie war ein Beweis ihres schieren Durchhaltewillens. Bestes Eintagesrennen Paris–Tours mit Schotterabschnitten. Teils gewählt, um die Presse zu ärgern, teils, um die Tatsache zu belegen, dass Rennen sich ändern und anpassen können. Paris–Tours war ein provoka tiver Ausdruck dieser Haltung und brachte frischen Wind in das angestaubte Rennen. (Wirklich bestes Eintagesrennen: die Lombardei-Rundfahrt). Beste Rundfahrt Giro del Trentino. Großartige Alpenkulisse, Traumwetter, prominent besetztes Feld, kein Zeitfahren und kurze, knackige Etappen. Die perfekte Vorbereitung auf eine große Rundfahrt. Mannschaft des Jahres Mitchelton-Scott, weil sie das Rennen gewann, das die Quintessenz des Radsports als Mannschaftssportart ist: die Hammer Series? Na gut, vielleicht nicht. Aber es ist trotzdem meine Mannschaft des Jahres. Erinnerung des Jahres Der Schrei aus dem Bauch heraus und die Tränen der Erleichterung, die auf der 9. Tour de France über John Degenkolbs staubverkrustetes Gesicht liefen. VAN GEGEN VAN 3Das Kopf-an-Kopf- Rennen zwischen Annemiek van Vleuten und Anna van der Breggen beim La Course in diesem Sommer fasste 2018 zusammen. Van der Breggen schien den Sieg in der Tasche zu haben, als sie am Col de la Colombière attackierte. Aber van Vleuten startete in der kurvenreichen Abfahrt nach Le Grand-Bornand eine entschlossene und rasante Aufholjagd. Die beiden Niederlän de rinnen schienen abwechselnd die besseren Chancen zu haben. Würde es van Vleuten sein oder van der Breggen? Van der Breggen oder van Vleuten? Es lief auf die letzten 50 Meter des Rennens hinaus, als van Vleuten in einem hochspannenden Finale an ihrer unter Krämpfen leidenden Landsfrau vorbeizog. Wer hatte 2018 das bessere Ende für sich? Dieser Wettbewerb ist so knapp wie diese letzten 50 Meter im Juli. Van Vleuten gewann mehr Rennen – zwölf, verglichen mit van der Breggens sechs. Aber sie teilten sich die prestigeträchtigsten Titel. Van der Breggen hatte bei den Klassikern die Oberhand – sie gewann ihr erstes Strade Bianche, die Flandern-Rund ­ fahrt und verteidigte ihre Flècheund Lüttich-Titel. Van Vleuten wiederum hatte bei den Rundfahrten die Nase vorn, gewann zum ersten Mal den Giro Rosa und drei Etappen plus die Boels Ladies Tour und drei Etappen. Bei der Weltmeisterschaft in Innsbruck teilten sie sich die Ausbeute: Van Vleuten verteidigte ihren Titel im Zeitfahren, während van der Breggen einen ersten Straßentitel gewann. Van Vleuten und van der Breggen duellieren sich bei La Course. 22 PROCYCLING | JANUAR 2019

R Ü C K 20 18 J A H R E B L S I C K TOUR ZUM EIN- SCHLAFEN* 4Einige der langweiligsten Momente des Jahres – man muss es sagen – gab es bei der Tour de France 2018. Auf den zwei Flachetappen am Ende der ersten Woche hatten nicht einmal die Wildcard- Teams Bock, Energie in einer Ausreißergruppe zu verschwenden, die vor dem Ziel unweigerlich eingeholt werden würde. In der Gesamtwertung hatte der stärkste Fahrer (Geraint Thomas) das stärkste Team (Sky), und sie fuhren konservativ, um das Rennen zu gewinnen, außer bei Thomas’ zwei aufeinanderfolgenden Etappensiegen in den Alpen, wo sie in der Schlussphase attackierten. (*Wobei man nicht vergessen darf, dass der Kampf um den Tagessieg in Roubaix auf der 9. Etappe einer der Momente des Jahres war, Astana auf der Etappe nach Carcassonne eine Meisterleistung in taktischer Mannschaftsarbeit ablieferte und LottoNL–Jumbo auf der Etappe nach Alpe d’Huez das Rennen animierte, es war also nicht alles schlecht.) Die Tour ist straff und kontrolliert, weil sie das größte und wichtigste Rennen des Jahres ist. Eine straffe Taktik ist bei einer langen Rundfahrt unvermeidlich, wo das Niveau des Feldes höher ist als bei jedem anderen Rennen in der Saison. Und wie Sky bei der Tour oft gezeigt hat, ist Eis am Ende stärker als Feuer. Ja, der Giro und die Vuelta sind vielleicht aufregender als die Tour de France. Aber wenn eines der beiden Rennen so wichtig wäre wie die Tour, würden die besten Fahrer in der besten Form dort antreten und auch diese Rennen weniger spannend machen. 5NIEMAND DOMINIERTE DIE SPRINTS Den besten Sprinter des Jahres zu wählen, ist meistens einfach – man sucht den Fahrer, der die meisten Etappen der Tour de France gewonnen hat, und hat seinen Mann. Marcel Kittel 2017, Mark Cavendish 2016, André Greipel 2015, Kittel wieder 2014 und 2013 … Nicht so schnell. Der Sprinter des Jahres 2018 war Elia Viviani, und er trat bei der Tour nicht einmal an. Subjektiv und objektiv überbieten die 18 Siege des Italieners, darunter vier beim Giro und drei bei der Vuelta, die von Dylan Groenewegen und seinem Quick-Step-Teamkollegen Fernando Gaviria, die bei der Tour je zwei Tagesabschnitte gewannen. Groenewegen könnte 2018 den Titel „Sprinter des Jahres“ beanspruchen – er gewann immerhin 14 Rennen. Und man könnte argumentieren, dass Vivianis Konkurrenz in Italien und Spanien nicht annähernd so stark war wie bei der Tour. Aber Vivianis andere Siege außerhalb der großen Rundfahrten überzeugen ebenfalls. Er hat mit dem EuroEyes Cyclassics den wohl reinsten Sprinter-Klassiker auf dem Kalender gewonnen. Es ist eine Eigenart der Radsportsaison, dass die Dubaiund die Abu Dhabi-Tour zu Beginn der Saison ein Gipfeltreffen der Sprinter sind, und Viviani siegte bei diesen beiden Rennen auf Etappen – gegen Groenewegen, Kittel, Cavendish, Ewan, Kristoff und weitere. Viviani dürfte bei der Tour 2019 als Sprintkapitän von Deceuninck–Quick-Step an den Start gehen, da Gaviria zu UAE gewechselt ist. Dort kann er den Eindruck bestätigen, dass er gegenwärtig der schnellste Sprinter der Welt ist. Viviani gewann 2018 drei Vuelta- und vier Giro-Etappen. © Getty Images JANUAR 2019 | PROCYCLING 23