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Procycling 02.18

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DAS GROSSSE INTERVIEW

DAS GROSSSE INTERVIEW KONTRAPUNKT DIE FAVORITEN VON MORGEN Procycling stellt die Fahrer vor, die in fünf Jahren nach dem Gelben Trikot greifen könnten. © Getty Images Simon Yates tut sich immer wieder als künftiger Kandidat für das Gelbe Trikot der Tour hervor. Mit 25 ist er bereits einer der besten Kletterer der Welt, und wie er Procycling sagte, ist Zeitfahren zwar nicht seine Stärke, aber auch nicht unbedingt eine Schwäche. Während Chris Froome im Moment der beste Grand-Tour-Fahrer der Branche ist, schaut Procycling voraus auf 2023 – in fünf Jahren – und schätzt ein, wer Yates’ Rivalen um Gelb sein könnten, wenn er in seinem Zenit ist. NAIRO QUINTANA Der Kolumbianer ist der Bannerträger des Jahrgangs 1990, und obwohl Fahrer wie Romain Bardet, Tom Dumoulin und Thibaut Pinot höchstens neun Monate nach dem Kolumbianer geboren wurden, hinken sie in ihrer Reife als Rundfahrer zwei oder drei Jahre hinterher. Mit zwei Grand- Tour-Siegen in seinem Palmarès – ein Giro und eine Vuelta – und kurzen Phasen als bester Rundfahrer auf dem Planeten wird Quintana in fünf Jahren 33 sein und sich dem Ende seiner Karriere nähern. Quintana verspricht einen Toursieg seit seinem zweiten Platz bei seinem Tour-Debüt 2013. Seitdem waren seine Leistungen durchwachsen, aber er litt unter Erkrankungen und Erschöpfung und konnte in Frankreich nicht so auftrumpfen wie bei anderen Rennen. Mitunter klettert er superb, aber bei der Tour fährt er konservativ und neigt dazu, mit Attacken bis zum Schluss zu warten – wie 2013 und 2015, wo er Froome zwar Zeit abnahm, aber zu wenig und zu spät. Im Zeitfahren hat er Froome und jetzt Dumoulin nichts entgegenzusetzen. Quintanas Klasse steht außer Frage, doch sein Stern ist schnell und hoch gestiegen – kann er diese Intensität fünf weitere Jahre halten? EGAN BERNAL Er ist noch keine 21, aber Egan Bernal scheint das vielversprechendste U23-Talent im Radsport zu sein und hat einen Hype ausgelöst wie zuletzt sein kolumbianischer Landsmann Quintana 2010. Bernal startete seine Karriere als Mountainbiker und konzentriert sich erst seit 2016, als er bei Androni von den Junioren zu den Profis kam, ganz auf den Straßenradsport. Er zeigte eine ungewöhnliche Klasse in den Bergen, und so war es kein Wunder, dass das Team Sky anklopfte. In seinem zweiten Jahr als Rennfahrer war er Gesamt-Neunter der Tour of the Alps und Vierter der 28 PROCYCLING | FEBRUAR 2018

SIMON YATES Settimana Coppi e Bartali. Er war außerdem 13. der Lombardei-Rundfahrt gegen viel erfahrenere Kletterer. Seine Dominanz bei der Tour de l’Avenir im letzten Jahr, wo er aufeinanderfolgende Berg ankünfte und die Gesamtwertung gewann, beeindruckte ebenfalls. Wenn Froomes Regentschaft endet, könnte Bernal bei Sky der Ersatzmann für ihn sein. Vor allem ist der Kolumbianer noch neu im Straßenradsport und hat viel Verbesserungsspielraum, den das britische Team mit seinen Kapazitäten und seinem Budget nutzen kann. Aber die Erwartungen und seine Kar riere zu managen, wird der Schlüssel sein – Bernal will nach seinen eigenen Worten nicht einer dieser Fahrer sein, die mit 26 oder 27 Jahren ihren Zenit erreichen und dann verschwinden. BOB JUNGELS Bevor er zum belgischen Quick-Step-Team wechselte, stagnierte Bob Jungels bei Trek Factory Racing. Aber kaum, dass er 2016 zu Patrick Lefeveres Team gekommen war, zeigte der langgliedrige Luxemburger seine Rundfahrer-Qualitäten prompt beim Giro – genau wie im folgenden Jahr. Er gewann die Jungprofi-Wertung der Italien-Rundfahrt 2016 und 2017 und wurde mit jedem Intermezzo im Rosa Trikot besser. Außerdem gewann er die Etappe nach Bergamo im letzten Jahr. Beide Male beendete er das Rennen in den Top Ten – sechster beziehungsweise achter Platz. Der Quick-Step-Profi ist ein formidabler Zeitfahrer, ähnlich wie Dumoulin. Er ist zwei Jahre jünger als der Holländer und ein direkter Zeitgenosse der Yates- Zwillinge. Die Manager anderer Teams waren beeindruckt von der Fähigkeit des 25-Jährigen, in den steilen und unregelmäßigen Anstiegen des Giro mit den Besten mitzuhalten, und sie fragen sich, was er in den gleichmäßigeren und meist weniger steilen Pässen der Tour leisten könnte. Das größte Vertrauensbekenntnis kam freilich von seinem Teamchef Patrick Lefevere. Als dieser einige reife, aber teure Talente für 2018 aussortierte, achtete Lefevere darauf, dass Platz für seine jungen Senkrechtstarter wie Jungels blieb. Der 25-Jährige erhielt einen optimistischen Drei-Jahres-Vertrag und die Zusicherung, dass die Erschließung seines Rundfahrer- Potenzials das Ziel sei. 4 Fahrer haben das Weiße und das Gelbe Trikot im selben Jahr gewonnen MIGUEL ÁNGEL LÓPEZ Als der Sieger der Tour de l’Avenir 2014, Miguel Ángel López, 2015 zu Astana kam, fragten sich Beobachter, ob das kasachische Team die Geduld und das Know-how haben würde, den jungen Kolumbianer aufzubauen, bis er seine Reife erreicht. Das war, bis er Siebter der Tour de Suisse wurde und eine Bergetappe der Vuelta a Burgos gewann. 2016 machte er weitere Fortschritte und gewann vier Rennen, darunter die Tour de Suisse, da er der beständigste Kletterer war und im kurzen Zeitfahren am vorletzten Tag Zweiter gegen die Spezialisten wurde (er war eine Sekunde schneller als Fabian Cancellara). Ein schwerer Beinbruch durchkreuzte seine Vorbereitung auf die Saison 2017, und obwohl er sich bis Juni keine Startnummer anheftete, kam er schnell wieder in Form. Er war Dritter der Österreich-Rundfahrt im Juli, Vierter der Vuelta a Burgos und gewann dann Bergetappen der Vuelta in Calar Alto und am Hoya de la Mora. Außerdem wurde der 23-Jährige Gesamt-Achter. Alexander Winokurow, Teammchef von Astana, zu seinem Hoffnungsträger: „Er hat alles, was er braucht: Talent, Ausdauer, Kampfgeist, Qualitäten in den Bergen und gegen die Uhr. Er braucht nur Zeit und Erfahrung.“ Egan Bernal: Sieger der Tour de l’Avenir 2017 DAVID GAUDU Der Bretone ist wie Yates ein Leichtgewicht, das deutlich unter 60 Kilogramm wiegt. Er gewann die Tour de l’Avenir 2016 mit 19 Jahren und stieg sofort mit FDJ in die WorldTour auf. FDJ- Teamchef Marc Madiot nannte ihn einen „Kletterer von seltenem Talent“ – kein Wunder, wenn sein VO 2 max-Wert Berichten zufolge über 90 liegt. Er war letztes Jahr der jüngste Fahrer in der World Tour, schnitt aber gegen weit erfahrenere und kräftigere Rivalen gut ab. Bei der Volta a Catalunya bekam er bei einer échappée royale auf dem Weg zur Bergankunft in Lo Port auf der 5. Etappe Gesellschaft von Froome, Alejandro Valverde und Alberto Contador. Er wurde Siebter. Einen Monat später wurde er Neunter im Sprint an der Mur de Huy beim Flèche Wallonne. Im August gewann er eine Etappe der Tour de l’Ain, bei der er Gesamt-Zweiter wurde, bevor er im Oktober Fünfter bei Mailand–Turin wurde. Seine Schwäche ist das Zeitfahren: 84., 75. und 74. waren seine Resultate bei Einzelzeitfahren der WorldTour 2017. Aber FDJ kann Fahrer gegen die Uhr auf Vordermann bringen: Pinot entwickelte sich vom hoffnungslosen Fall zum Hoffnungsträger, als er in den Jahren 2015 und 2016 das Zeitfahren trainierte. Der Unterschied ist aber vielleicht, dass Pinot mehr Kraft aufbietet, mit der man arbeiten kann. © Yuzuru Sunada FEBRUAR 2018 | PROCYCLING 29