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Procycling 03.19

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BERNHARD EISEL TEAM SKY

BERNHARD EISEL TEAM SKY 2012–2015 © Offside Sports Photography Wir dachten, wir könnten HTC mit Rolf Aldag am Laufen halten. Wir sprachen mit Bob [Stapleton, Teameigentümer], wir hatten den Sponsor und es ging einfach am Tag der Unterzeichnung des Vertrags in die Binsen. Ich rief Dave B [Brailsford] an und sagte so: „Ist das Angebot noch auf dem Tisch, kannst du mir etwas anbieten?“ Und er so: „Wir wollen dich, das Angebot bleibt bestehen.“ Ich dachte: Chapeau! Wenn du ein gutes Angebot hast und dann nichts mehr in der Hand hast und er dir trotzdem dasselbe anbietet – großer Respekt vor Dave. Ich sage das immer, wirklich großer Respekt vor allen, die bei Sky arbeiteten und arbeiten. Wenn sich die Leute über irgendwas beschweren [was das Team angeht], ist es meistens Neid. Sie haben den Radsport auf ein neues Niveau gebracht. Ich habe immer gedacht, ich würde hart trainieren, und dann kam ich zu Sky, und das hat mein Denken über Training drastisch verändert. Ich lernte, dass ich vorher nie trainiert hatte. Die Art des Trainings, wie viele Belastungen, mehr Belastungen – du kannst diese Belastungen tatsächlich überleben und bist am nächsten Tag in der Lage, noch mehr zu machen. Wir haben alle an die Philosophie geglaubt, das Training und alles. Es war einfach das erste Mal, dass ich ein Team sah, wo wirklich jeder an etwas glaubte. Niemand beschwerte sich, egal, wie hart es war, sondern machte es einfach. Du wusstest, dass es bewiesen war und dass sie wussten, was sie taten, und du hast es einfach befolgt. Du stellst es nie infrage, weil du weißt, dass es funktioniert. Deswegen verteidige ich Sky auf jeden Fall; sie haben den Sport verändert und definitiv meine Herangehensweise an den ganzen Sport. Sie haben alles professionalisiert. Jeder hat eine Aufgabe, und das bringt es buchstäblich auf den Punkt: Du hast diesen einen Job. Das gilt auch für den Fahrer. Das habe ich Luke Rowe letztes Jahr gesagt, als sie ihn zum Road Captain für die Tour ernannten. Ich sagte: „Okay, Kumpel, du bist jetzt an dem Punkt, wo sie keine andere Positionsbezeichnung mehr für dich haben, deswegen nennen sie dich Teamkapitän oder Road Captain!“ Ich hatte es vorher schon ein bisschen gemacht, im Wechsel mit Mick Rogers bei HTC, und dann ging es einfach weiter … Ich bin immer mehr in diese Rolle hineingewachsen, von ganz allein. Ich glaube, du kannst versuchen, ein Leader zu sein, aber wenn du dich ausdrücken kannst und mehrere Sprachen sprichst, macht es das einfacher. Aber gleichzeitig musst du auch damit leben … Nicht mit dem Druck leben, sondern den Fahrern zu sagen: Wir können es diskutieren, aber ich mache die Ansagen. Wenn es schiefgeht, ist nur einer daran schuld, und das bin ich. So lange alles unter Kontrolle ist, ist alles einfach. Bei Sky war Eisels Job, in Fluchtgruppen zu gehen und im Rennen Entscheidungen zu treffen. 42 PROCYCLING | MÄRZ 2019

BERNHARD EISEL Im Einsatz für die Hilfsorganisation Qhubeka blickte Eisel anders auf den Radsport. DIMENSION DATA 2016–HEUTE Zu diesem Team zu gehen, hat mir eine andere Sichtweise auf alles gegeben – die Welt zu verstehen, wie wir sie kennen, eine europazentrische Radsportwelt, die um Belgien kreist. Es hat mich auch im Laufe der Jahre gelehrt, dass es mehr gibt als die Mur van Geraards - bergen. Neue Rennen entstehen, neue Nationen kommen in den Radsport. Das hat mir die Augen komplett geöffnet, und ich verstehe ein bisschen besser, wie schwer es für die Fahrer aus Afrika sein muss, in den Radsport einzusteigen. Es ist schwer für einen Australier, Australien zu verlassen, aber es ist noch einfacher als für jemanden, der aus Eritrea, aus Äthiopien oder dem Sudan kommt. Ich würde heute wahrscheinlich eines meiner letzten Interviews geben, wäre ich bei Tirreno nicht gestürzt [er brach sich 2018 das Handgelenk, aber später wurde bei ihm ein Hämatom diagnostiziert und er musste am Gehirn operiert werden]. Ich würde am Ende des Jahres meinen Hut nehmen und sagen: „Das war’s.“ Als ich den Sturz hatte und fünf Monate pausieren musste, dachte ich: „Wenn ich das Comeback schaffe, will ich noch ein Jahr fahren; ich habe es noch drauf …“ In diesen fünf Monaten hatte ich so viel Zeit, über die Zukunft nachzudenken, und ich habe schon weitgehend geplant, was ich [nach meinem Karriereende] machen werde, aber gleichzeitig habe ich gesagt, dass ich noch ein Jahr dranhängen will. Wenn die Saison normal zu Ende gegangen wäre, wäre ich mittlerweile erschöpft und hätte gedacht: „Wisst ihr was? Es ist Zeit zu gehen.“ Der erste Sturz war schlimm. Ich bin vor 20 Jahren [2000] schon einmal so gestürzt, wo ich mir das Gesicht aufgeschlagen, Zähne verloren und die Zunge in Stücke gebissen habe. Da habe ich mich für fünf Tage zurückgezogen. Dieses Mal war es dasselbe, es war zu viel. Aber es heilte so schnell, dass ich schneller wieder auf dem Rad saß. Als sie das Hämatom entdeckten, da fängst du wirklich an nachzudenken. Ich fuhr mit Marco Haller in Österreich, und er krachte neben mir in dieses Auto [Haller erlitt im Juni multiple Kniefrakturen] und ich bin 100 Prozent sicher: Wenn ich mit dem Auto kollidiert wäre, wäre ich nicht mehr hier. Dann wäre das Spiel aus gewesen. Dann denkst du: „Ist es das wert?“ Ich bin wieder nach Hamburg gefahren, war beim Arzt und habe gesagt: „Ich will alles noch mal checken lassen.“ Und sie haben mir in jedem Punkt Entwarnung gegeben. Wenn du das weißt, ist es eine Erleichterung, weil du das alles durchmachst. Es sind nicht nur physische Probleme, sondern auch mentale. © Getty Images MÄRZ 2019 | PROCYCLING 43