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Procycling 03.19

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2018 gewann Walsleben

2018 gewann Walsleben (rechts) die deutsche Rad-Bundesliga. PROLOG AUS DEM HERZEN DES PELOTONS EIN UNERWARTETES COMEBACK Rücktritt vom Cross-Sport, Sieger der Rad-Bundesliga, neuer Profivertrag – hinter Philipp Walsleben liegt ein ungewöhnlich ereignisreiches Jahr. Im Interview sprachen wir mit dem ehemaligen U23-Crossweltmeister über die vergangenen Monate und wie es ist, mit 31 Jahren plötzlich Neoprofi zu sein. Interview Werner Müller-Schell © Michael Deines/Promediafoto Philipp, vor einem Jahr haben wir an gleicher Stelle ein Interview mit dir über deinen Rücktritt vom Cyclocross geführt. Damals hast du stark an einer Zukunft als Radprofi gezweifelt. Nun, zwölf Monate später, startest du mit Corendon Circus für ein erfolgreiches Professional- Continental-Team in deine erste Saison als Straßenprofi. Wie überrascht bist du selbst über diese Entwicklung? Es war tatsächlich ein spannendes Jahr. Als mir im vergangenen Winter klar wurde, dass ich mich im Cross nicht weiterentwickeln würde können, musste ich in ganz verschiedene Richtungen denken. Ich hatte damals meinem Team [Beobank- Corendon, dem Vorgänger der heutigen Corendon-Equipe; Anm. d. Red.] gegenüber schon den Wunsch geäußert, Straßenfahrer werden zu wollen – was aber zu der Zeit noch nicht möglich war. Nach den starken Leistungen von Mathieu van der Poel in der vergangenen Saison auf der Straße 6 PROCYCLING | MÄRZ 2019

[van der Poel ist Cross-Gesamtweltcupsieger, niederländischer Straßenmeister und Vize-Europameister auf der Straße] hat sich die Teamleitung aber zu einer neuen Strategie entschieden – und mich dahingehend auch wieder kontaktiert. Und dann hat alles plötzlich eine für mich sehr positive Wendung genommen. Du hast 2018 einen für einen etablierten Profi eher ungewöhnlichen Schritt vollzogen und bist in der Rad-Bundesliga an den Start gegangen. Wie kam es zu diesem Weg? Nach meinem Rücktritt vom Cross stand ich ohne Team da – und im Januar bzw. Februar war es zu spät, um noch etwas Passendes zu finden. Glücklicherweise ist Lars Wackernagel, der Teamchef der Bundesliga-Mannschaft P&S Thüringen, in dieser Situation auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich nicht zu ihm wechseln wolle. Ich fand das Projekt mit den vielen jungen Fahrern sehr spannend – auch wenn die Entscheidung sportlich für mich ein Schritt zurück war. Aber für meine persönliche Entwicklung war es sicher ein Schritt vorwärts. Wie meinst du das? Privat bin ich zurück nach Deutschland gezogen und habe mich hier wieder eingelebt. Und sportlich hatte ich viel Freiraum, und es kam eben nicht auf das allerletzte Prozent an Leistung an. Aus diesem Grund hatte ich auch die Möglichkeit, Neues auszuprobieren. Zum Beispiel habe ich angefangen, im Bereich Coaching mit Paul Voss zusammenzuarbeiten, habe neue Sachen im Training getestet und einfach Spaß bei den Rennen gehabt. Und mit der Baltyk-Karkonosze-Tour in Polen konnte ich auch eine kleine UCI-Rundfahrt gewinnen. Zudem war es interessant, in der Bundesliga auf Fahrer zu treffen, die eben keine Profis sind. Das war im Sommer. Es war auch genau zum richtigen Zeitpunkt, denn auf lange Sicht hätte ich vom Fahren in der Bundesliga nicht leben können. Nach den Nationalen Meisterschaften hat mich dann Mathieu van der Poel selbst kontaktiert, und bald hat mich auch die Teamleitung über die Pläne des Teams, in die Professional-Continental-Klasse aufzusteigen, informiert. Wir waren uns dann schnell einig – das war ja genau das, was ich wollte. Besonders freut mich, nun Mathieu helfen zu können. Ich finde es angenehm, wenn man im Team klare Aufgabenteilungen zwischen Kapitän und Helfer hat. Wie würdest du dein Verhältnis zu Mathieu van der Poel beschreiben? In jedem Fall sehr vertraut. Wir verstehen uns sehr gut, und obwohl er der klare Kapitän im Team ist, respektiert er die anderen Fahrer. Im Trainingslager haben wir uns zum Beispiel das Zimmer geteilt. Wenn er früh schlafen wollte, hat er einfach zu Schlafmaske und Ohropax gegriffen und sich umgedreht. Andere Fahrer haben da oft ein größeres Ego und sind egoistischer. Als Crossfahrer musstest du früher im Winter in Topform sein. Nun hast du eine Sommersaison auf höchstem Level vor dir. Wie hat sich das auf dein Training ausgewirkt? „ICH HABE EINEN VERTRAG FÜR EIN JAHR, UND DA MÖCHTE ICH MICH SO GUT WIE MÖGLICH VERKAUFEN.“ Es war tatsächlich das erste Mal für mich, dass ich mich über den Winter vorbereitet habe – und das war nicht ganz einfach. Im Dezember war ich früher schließlich immer in Topform und habe kaum Grundlage trainiert. Hinzu kommt, dass ich mich auch an die längeren Distanzen gewöhnen musste – gerade im Hinblick auf die Klassiker macht es einen Unterschied, ob man 180 Kilometer oder 240 Kilometer schnell fahren kann. Corendon Circus ist ein Team, das vor allem auf die Klassiker schielt. Was für ein Fahrertyp bist du auf der Straße eigentlich? Das ist tatsächlich noch schwer zu beantworten. Ein reiner Bergfahrer bin ich wohl nicht, aber ich bin sicherlich sehr tempohart. Spritzige Anstiege verkrafte ich auch ganz gut. Es wird spannend für mich, mich hier in den kommenden Wochen und Monaten zu finden. Hast du schon einen konkreten Rennplan? Los wird es am 22. März mit dem Bredene Koksijde Classic in Belgien gehen. Danach folgen die Sarthe-Rundfahrt, der Brabantse Pijl und das Amstel Gold Race. Im Mai werde ich dann wohl bei der Tour de Yorkshire und der Belgien-Rundfahrt am Start stehen. Wirst du auch einmal auf eigene Rechnung fahren dürfen? Das wird man sehen. Unsere Mannschaft ist mit 17 Fahren nicht sehr groß, von daher kann es durchaus auch einmal passieren, dass ich eine freie Rolle bekomme. An erster Stelle stehen aber sicherlich die Helferdienste für Mathieu. Ich habe einen Vertrag für ein Jahr, und da möchte ich mich so gut wie möglich verkaufen. Ich bin schließlich echt dankbar, dass ich mit 31 Jahren noch mal diese große Chance erhalte. Mit deinen Erfolgen im Cross im Rücken warst du der große Favorit der abgelaufenen Rad-Bundesliga-Saison – einer Rolle, der du auch gerecht geworden bist. Wie schätzt du das Niveau ein? Es war für mich zu Beginn auf jeden Fall eine Umstellung. Natürlich ist das Niveau niedriger als bei internationalen UCI-Rennen und das Leistungsgefälle ist sehr stark – aber auch die Taktik ist manchmal sehr interessant. Während bei einem UCI-Rennen die erste halbe Stunde voll attackiert wird, habe ich Bundesligarennen erlebt, bei denen das Peloton auf den ersten zehn Kilometern ruhig dahingerollt ist. Zudem ist alles sehr auf einen möglichen Schlusssprint ausgelegt. Ich denke, dass der eine oder andere Fahrer hier durchaus aktiver sein sollte. Es kommt nicht von ungefähr, dass die guten U23-Fahrer meistens ins Ausland wechseln, um hier an den Straßenradsport herangeführt zu werden. Ich würde mich daher freuen, wenn sich die Bundesliga wieder in eine andere Richtung entwickeln würde. Ab wann hat sich dein Wechsel zu den Profis auf die Straße angedeutet? © Bryn Lennon/Getty Images MÄRZ 2019 | PROCYCLING 7